Olaf Scholz
28.05.2014

Perspektiven der Stadtentwicklung in Hamburg

 

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

 

meinen Glückwunsch zu diesem Veranstaltungsort. Die Jungiusstraße 6 hat 93 von 100 Punkten. Und zwar in Seattle, im US-Bundesstaat Washington. Da sitzt ein Unternehmen, das ein Internetportal anbietet mit dem Namen „Walk Score“. Es ermittelt die Fußgängerfreundlichkeit von Adressen. 93 Punkte, das bedeutet Walker’s Paradise, denn man erreicht zu Fuß so ziemlich alles, was man zum täglichen Leben braucht. 

 

Fußgängerparadiese sind übrigens auch die Ottensener Hauptstraße, der Großneumarkt, die Lange Reihe, die Bellealliancestraße, große Teile von Eppendorf – die Liste ließe sich noch ziemlich lange fortsetzen. Sie merken, worauf ich hinaus will. Walker’s Paradise, das ist da, wo die Nachfrage nach Wohnraum besonders hoch ist. Walker’s Paradise ist da, wo Junge und Alte, wo Singles und Familien, Auszubildende und Studenten leben wollen. 

 

Stadtleben ist „in“. Dazu eine Zahl nennen: knapp 1,8 Millionen. Die meisten von Ihnen werden sie kennen. Das ist heute in etwa die Zahl der Einwohner und Einwohnerinnen Hamburgs. Ich will ihnen eine weitere Zahl nennen: 1.571.267. Das war die Bevölkerungszahl 1986. Damals gab es Banken, die ihren Kunden rieten, sich lieber ein Haus im Alten Land zu kaufen als eine Mietskaserne aus dem 19. Jahrhundert am Großneumarkt. Es war der Höhepunkt der Suburbanisierungswelle, übrigens auch ein Trend aus den USA, der gleiche Staat, in dem heute Stadtplaner wie Jeff Speck die „walkable city“ propagieren. Der „Walk Score“ zeigt: In großen Teilen Hamburgs haben wir die erlaufbare Stadt schon.

 

Die Prognosen besagen, dass in den 30er-Jahren dieses Jahrhunderts mehr als 1,9 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner in Hamburg leben werden, vielleicht sogar mehr als zwei Millionen. Wir wissen nicht, ob es so kommen wird. Aber falls die Zukunft der ähnelt, die uns heute vorhergesagt wird, müssen wir uns vorbereiten. Angesichts feststehender Stadtgrenzen werden wir also ein bisschen enger zusammenrücken müssen, damit diejenigen die zu uns kommen, bei uns Platz finden. Wobei „enger zusammenrücken“ nicht unbedingt wörtlich zu nehmen ist, denn da sprechen die durchschnittlichen Wohnungsgrößen, ausgedrückt in Quadratmeter pro Person, in ihrer langjährigen Entwicklung eine andere Sprache. Das mentale Zusammenrücken wollen wir so gestalten, dass sich alle – die hier schon wohnen, und die neu hinzu kommenden – wohl fühlen. Sich darüber auszutauschen, daran zu arbeiten und sich über den richtigen Weg zu verständigen, das ist der Sinn der Stadtwerkstatt.

 

Wir wollen mit diesem Prozess die Debatte über die Perspektiven unserer Stadt anstoßen. Nicht verzagt, sondern mit zuversichtlichem Blick nach vorn. Weltweit leben immer mehr Menschen in Städten – nicht nur in den Mega-Cities der Schwellenländer, sondern auch in großen Städten, die über eine gute Infrastruktur und ein funktionierendes Gemeinwesen verfügen. In großen Städten, die als Laboratorien der Moderne künftiges Leben, Arbeit und Wirtschaft nicht nur vordenken, sondern auch ausprobieren.

 

Hamburg gehört in die Reihe dieser großen Städte. Deshalb ist es an uns – den Bürgerinnen und Bürgern dieser schönen Stadt – die Entwicklungsperspektive und die Hoffnung der Stadt mit Leben zu füllen.

 

So etwas plant man nicht am Reißbrett. Das entsteht im Diskurs, im Alltag, in den täglichen kleinen Entscheidungen. Dafür wollen wir mit der Stadtwerkstatt einen Ort bieten.

 

Eine große Stadt darf sich niemals im Bestehenden einrichten. Als ein Kristallisationspunkt gesellschaftlicher Veränderung befindet sie sich selbst stets im Wandel. Die große Stadt „ist“ niemals irgendetwas, sondern sie „wird“ immer etwas Neues.

 

Deswegen empfinden manche wenige das Leben in der Stadt auch als anstrengend. Die meisten aber fasziniert der leidenschaftliche Zug zum Neuen, zum Fortschritt.

 

Neue stadtökonomische Modelle zeigen, dass es insbesondere die Dichte des Zusammenlebens ist, die hier für Dynamik sorgt. Sie steigert produktivität genauso wie Kreativität. Und – wenn ich mir die jährlichen Umfrageergebnisse des Glücksreports ansehe – ganz offensichtlich auch die Zufriedenheit. Regelmäßig jedenfalls leben die glücklichsten Deutschen hier bei uns.

 

Das ist keine Aufforderung sich auszuruhen, sondern ein Ansporn weiterzumachen und den Fortschritt zu suchen.

 

Wir müssen ständig Neues denken. Ein gutes Beispiel sind die Forschungs- und Innovations-Parks, die im Papier der BSU angesprochen sind. Wissenschaftliche Einrichtungen und ihr Ausbau haben ja auch mit Stadtplanung zu tun. Hamburg wird sich intensiv mit der Frage befassen, an welchen Standorten Forschung und Entwicklung auch räumlich neu zusammenwachsen können. Der Senat verfolgt gemeinsam mit Partnern der InnovationsAllianz das Ziel, in Hamburg ein Netz von Forschungs- und Innovations-Parks mit ausgesuchten Themenschwerpunkten zu etablieren. Dafür planen oder entwickeln wir zuerst in Altona, Bergedorf und Harburg drei Forschungs- und Innovationszentren in räumlicher Nähe zu Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Mit dem Energie Campus der Hochschule für angewandte Wissenschaften (HAW), dem Innovation Campus for Green Technologies (ICGT) und dem in Planung befindlichen Inkubator des DESY auf dem Bahrenfelder Campus entstehen wissenschaftliche Umfelder für angewandte Forschung, die, da bin ich mir sicher, dazu führen werden, dass sich weitere innovative Unternehmen gründen und ansiedeln. 

 

Oder, noch wieder anders, aber damit verwandt: Für die rund 80.000 Beschäftigten der Kultur-und Kreativwirtschaft sind erlebnisreiche und urbane Quartiere so unverzichtbar wie der stündliche Cappucchino. Auch wenn man solche Milieus nicht am Reißbrett „planen“ kann, will Hamburg passende Standorte und Räume anbieten – wie die Reeperbahn mit ihrer vielfältigen Clubszene und dem Reeperbahnfestival. Auch das Kreativquartier Oberhafen in der HafenCity entsteht vor demselben Hintergrund.

 

Die Stadtwerkstatt: Vor zwei Jahren haben wir mit diesem Dialog auf Kampnagel begonnen. Die Jarrestraße ist übrigens „very walkable“. Auch das ist eine gute Note, denn man kann das meiste zu Fuß erledigen. Damals habe ich gesagt: „Wir wollen Bürgerbeteiligung intensivieren und zu einem normalen Baustein der Stadtentwicklung und deren Planung machen.“ Ich habe damals auch gesagt: Es geht darum, Lösungen insbesondere im Wohnungsbau zu finden, die das Interesse der wohnungssuchenden Hamburgerinnen und Hamburger an mehr guten und bezahlbaren Wohnungen zu einem fairen Ausgleich mit dem zu bringen, was den Anliegern am Herzen liegt.

 

Die Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt hat nun ein Konzept vorgelegt, über das wir heute Abend diskutieren wollen. Es nennt sich „Perspektiven der Stadtentwicklung – grüne, gerechte, wachsende Stadt am Wasser“. Und damit sind wir mitten drin im Thema. Wie wollen wir mit der wachsenden Stadt umgehen? Wie können wir sie so gestalten, dass sie ihre Attraktivität für ihre Bewohner erhält oder noch verbessert? Wie können dafür sorgen, dass sie weiter wachsen kann und trotzdem grün bleibt? Wie können wir dafür sorgen, dass sie gerechter wird und wie können wir die einmalige Lage am Wasser optimal nutzen?

 

Meine Damen und Herren,

Einen Punkt habe ich eingangs schon genannt: Die beliebtesten Stadtteile Hamburgs sind auch die, die dicht besiedelt sind. Und damit bin ich bei meinem ersten Punkt. Wir wissen, dass Hamburg weiter wachsen wird. Und das wollen wir auch so. Und weil wir uns nicht gut über die Stadtgrenzen hinaus ausdehnen können, brauchen wir „Mehr Stadt in der Stadt“. Und damit meine ich nicht den, Zitat: „Schlachtruf: Verdichten! Verdichten! Verdichten!“, der kürzlich in einer Zeitung zu lesen war. Das hat mit qualitativem Wachstum nichts zu tun. 

 

Vielmehr gibt es, darauf weist der Oberbaudirektor mit Recht hin, gute Beispielprojekte, die in gelungener Weise Dichte mit Qualität verknüpft haben. Sie zeigen, dass wir für den anstehenden Veränderungsprozess der Stadt ein kooperatives Handeln aller Beteiligten – der Politik, der Wohnungswirtschaft, der Planer und Fachleute sowie der Verwaltung – nicht nur brauchen, sondern dass sich das sichtbar auszahlt. 

„Mehr Stadt in der Stadt“ heißt Anknüpfen an die urbanen Qualitäten der Stadt, an die Traditionen der Gründerzeit und davor, deren Bauten viel zu Hamburgs Flair als Großstadt am Wasser beitragen. Diese dicht bebauten Quartiere, in denen es alles gibt – Wohnungen, Läden aller Art, Straßencafés, Restaurants, Büros, Wochenmärkte, Kitas, Schulen, Stadtteilplätze und Kinderspielplätze – gehören zu den beliebtesten in ganz Hamburg. Auch deshalb will, wer eine Wohnung in Hamburg sucht, am liebsten ins Schanzenviertel ziehen, nach St. Pauli, Altona, Ottensen, St. Georg, Eppendorf, Uhlenhorst oder Winterhude. Das sind Stadtteile, die zu den beliebtesten Wohnquartieren in ganz Hamburg gehören, gerade weil Wohnen und Dienstleistungen dicht beieinander liegen und weil diese Stadtteile bunt sind, auch in sozialer Hinsicht. 

 

Oft sind das Quartiere aus der Gründerzeit. Das sind keine Hochhäuser, ich betone das ausdrücklich, aber Häuser mit bis zu fünf oder sechs Geschossen und mit entsprechend vielen Bewohnern. Die sind eine wesentliche Voraussetzung für ein abwechslungsreiches und attraktives Angebot, für kurze Wege, die sich zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit dem ÖPNV umweltverträglich bewältigen lassen. 

 

Die Nachfrage nach solchen Quartieren beweist, dass viele Hamburgerinnen und Hamburger – ob Jüngere und Ältere, Singles oder Familien genau diese Qualitäten für unverzichtbar halten. Grund ist: Sie erleichtern das Leben. Der Alltag lässt sich einfacher organisieren, wenn man alles, was man braucht, schnell erreichen kann, ohne erst ins Auto steigen zu müssen. Mehr Stadt in der Stadt bedeutet deshalb auch, dass Hamburg mehr urbane, nutzungsgemischte Quartiere entwickeln wird, mit ihrem jeweiligen eigenen Charakter, der sich aus ihrer Geschichte und der schon bestehenden Bebauung ergibt. 

 

Möglichkeiten gibt es hier viele. So kann Hamburg sich zum Beispiel weiter nach Osten entwickeln. Hamm oder  Rothenburgsort mit dem ehemaligen Huckepackbahnhof sind nur zwei der interessanten Stadtteile mit verschiedensten Nutzungsmöglichkeiten, über die wir nachdenken. Auch Billbrook als Industriegebiet lohnt einen Blick. 

 

Wenn wir das alles richtig machen, dann werden nicht nur mehr Bürgerinnen und Bürger in Hamburg leben, sondern sie werden auch besser leben. Wir haben damit die Chance, dass nicht nur die Stadt wächst, sondern auch die Lebensqualität. Deshalb machen wir Pläne, wie wir das Wachstum so gestalten können, dass die wirtschaftliche, die soziale und die ökologische Qualität des Lebens in Hamburg weiter steigt. Für alle, auch die neu Zuwandernden! 

 

Hamburg ist die schönste Stadt in Deutschland, wie ein Meinungsforschungsinstitut im vergangen Jahr herausgefunden hat. Aber das ist kein Grund, sich auf dem Erreichten gemütlich einzurichten. Verweile doch, du bist so schön, damit ist schon Goethes Faust gescheitert. Aber für alle, die jetzt fürchten, es werde auch noch die letzte Baulücke geschlossen, sage ich ausdrücklich: Ausreichend Grün ist für eine hohe Lebensqualität in der Stadt eine Grundvoraussetzung. Übrigens für fast alle ihre Bewohner, unter denen sich sehr hartnäckig auch Igel, Eichhörnchen und Wachtelkönige behaupten. 

 

Meine Damen und Herren,

Es gibt eine alte Zeichnung mit schwarzer Tinte, auf der elf Federn zu sehen sind, drei davon südlich der Elbe, acht davon nördlich – alle an ihren Spitzen mit Pfeilen versehen wie „nach Berlin“ oder „nach Wedel“ oder „nach Lübeck“. Die Zeichnung nennt sich „Schema der natürlichen Entwicklung des Organismus Hamburg“. Es handelt sich um den Federplan des Architekten und Stadtplaners Fritz Schumacher für Hamburg aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts. 

Die Federn, das sind die Siedlungsgebiete entlang der großen Verkehrslinien. Sie werden auch zukünftig im Zentrum der baulichen Entwicklung stehen. Dazwischen befinden sich Landschaftsachsen, zum Beispiel entlang des Alsterlaufs, die bis in die Innenstadt hinein reichen. Schumachers Landschaftsachsen gibt es immer noch und es wird sie auch in Zukunft geben. Sie sind in der wachsenden Stadt keine stille Bebauungsreserve, sondern im Gegenteil Hamburgs grüne Lunge zum Atmen. 

 

Deshalb werden die grünen Freiräume erhalten, verstärkt entwickelt und durch grüne Ringe miteinander verbunden. Grünes Netz nennen wir das. Es soll ökologisch wertvolle Verbindungen zwischen Hamburgs Parks und Grünflächen schaffen und im Idealfall dafür sorgen, dass man mit dem Fahrrad oder zu Fuß von der Innenstadt bis zum Stadtrand gelangen kann, ohne einem Auto zu begegnen. 

 

Hinzu kommt: Rund neun Prozent des Stadtgebietes sind Naturschutzflächen. Damit liegt Hamburg im Vergleich der Bundesländer schon ziemlich weit vorne, und das obwohl Hamburg eine Großstadt ist und kein Flächenland. Einige der Naturschutzgebiete, wie das Heuckenlock mit seinem tidegeprägten Auenwald an der Elbe sind im internationalen Vergleich einzigartig und sogar Teil des europäischen Schutzgebietssystems Natura 2000. 

 

Und mit den Vier- und Marschlanden, der Süderelbemarsch im Alten Land und den Feldmarken nördlich der Elbe hat Hamburg wie keine andere europäische Metropole große und alte Kulturlandschaften in nächster Nähe zur dicht besiedelten Stadt. Ich weiß, die nördlichen Feldmarken waren früher Schleswig-Holstein. Die Knicks künden noch davon. Auch weil wir, trotz des Wachstums, pfleglich damit umgegangen sind. Die Dynamik und das Wachstum der gebauten Stadt mit einer hohen Qualität von Naturlandschaften und landschaftlich geprägten Erholungsräumen in eine gute Balance zu bringen, bleibt Ziel und Anspruch für die künftige Entwicklung.

 

Aber ich weiß auch, dass vielen Bürgerinnen und Bürgern das nicht reicht. Sie wollen Natur und den Wechsel der Jahreszeiten auch in der Stadt erleben, und nicht nur beim Ausflug zur Kirschblüte ins Alte Land.

 

Viele von ihnen kennen die Kampagne „Mein Baum – meine Stadt“. Wenn jemand 500 Euro spendet, legt die Stadt weitere 500 Euro drauf und pflanzt einen Baum. Sie ist unglaublich erfolgreich. Seit 2011 konnten so mehr als 3.100 Straßenbaumlücken geschlossen werden. Das zeigt, wie sehr die Hamburger Bevölkerung bereit ist, sich für mehr Natur in ihrer Stadt zu engagieren. Das zeigt aber auch, wie wichtig es den Bürgerinnen und Bürgern ist, dass Grün in ihrem unmittelbaren Wohnumfeld erlebbar bleibt. Deshalb wollen wir – auch das ist ein Ergebnis der Stadtwerkstatt – mehr Ausgleichsmaßnahmen für Bauprojekte in der kompakten Stadt ermöglichen. 

 

Dazu dient, was sich etwas amtsdeutschmäßig „Qualitätsoffensive Freiraum“ nennt. Praktisch heißt das: Neue Wohnungsbauvorhaben sollen immer mit einer Aufwertung von Freiräumen im Quartier kombiniert werden, so haben wir es mit dem Bündnis für das Wohnen in Hamburg beschlossen. Außerdem sollen jenseits klassischer Freiräume wie Parkanlagen oder Kleingärten für die Öffentlichkeit bisher unzugängliche Bereiche geöffnet werden – auch als Zwischennutzung. Dies betrifft vorübergehend nicht genutzte Brachflächen ebenso wie Schul- und Sportflächen. 

 

Und es werden, grade weil für den nötigen Wohnungsbau auch Flächen an anderer Stelle gebraucht werden, neue grüne Oasen geschaffen. So soll, wo heute noch die A7 eine laute breite Schneise durch die Stadt zieht, in einigen Jahren Grünflächen für Freizeit und Erholung zur Verfügung stehen, mit Fuß- und Radwegen, Parkanlagen und Kleingärten sowie Spiel- und Freizeitflächen. Zugegeben, das wird noch einige Jahre dauern und die Großbaustelle auf der A7 wird uns allen noch viel Geduld abverlangen. Danach jedoch wird Hamburg neben dem Lärmschutz für seine Bewohner auch rd. 25 Hektar Grünflächen auf den Deckeln erhalten, die Nutzungsangebote für die Menschen bieten und die die bisher getrennten Stadtteile wieder miteinander verbinden. 

 

Übrigens ist eine grüne Stadt auch eine resiliente Stadt. Das ist mehr als nur ein schickes neues Schlagwort, das sich Stadtplaner für ihre Konzepte ausgedacht haben. Resilient bedeutet robust und anpassungsfähig, zum Beispiel gegenüber möglichen Folgen des Klimawandels. Nehmen wir unsere Gründachstrategie, das Förderprogramm für grüne Dachgärten: Solche Dachgärten können zum Treffpunkt und Erholungsraum für die Bewohnerinnen und Bewohner werden. Sie haben aber auch eine ökologische Funktion. An heißen Tagen kühlen sie die Stadt und bei Starkregen nehmen sie Wasser auf, das sie nur langsam wieder abgeben. Das gleiche gilt übrigens für Straßenbäume, grüne Oasen, grüne Schneisen und Netze. 

 

Übrigens macht eine grüne Stadt auch ihre Bewohner resilienter, weil attraktive Grünflächen dazu einladen, sich mehr zu bewegen, sie fördern soziale Kontakte und gerade bei Stadtkindern die physische und psychische Entwicklung. Grünflächen sorgen also auch für mehr Gerechtigkeit in der Stadt.

 

Meine Damen und Herren,

der wichtigste Unterschied zwischen früher und heute ist: Hamburg ist eine Ankunftsstadt, in der inzwischen fast jeder Dritte eine Einwanderungsgeschichte hat, und in der die einstigen, die künstlichen Grenzen zwischen Alteingesessenen und irgendwann Zugewanderten im Alltag längst kontinuierlich verfließen. 

 

Diese neuen Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt sind gekommen, weil sie damit für sich und ihre Familien die Hoffnung auf ein besseres Leben verbinden. Die Dynamik, die aus genau dieser Hoffnung erwächst, ist für die Prosperität Hamburgs ebenso unverzichtbar wie für das Lebensgefühl der Stadt. Diese Hoffnungen dürfen wir nicht enttäuschen.

 

Allein seit Beginn der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat sich die Zusammensetzung der Hamburger Bevölkerung so verändert, dass heute etwa  530.000 Zuwanderer, oder Nachfahren von Zuwanderern, gezählt werden. Das ist beinahe jeder und jede Dritte. Bei den unter 18-Jährigen sind es sogar 46 Prozent. Diese Zuwanderung von jungen Bürgerinnen und Bürgern aus dem In- und Ausland wird weiter wachsen. Es werden außerdem noch mehr Menschen als jetzt alleine wohnen. Und es wird mehr über 80-Jährige und Pflegebedürftige geben. Die gerechte Stadt ist deshalb eine inklusive Stadt – eine Stadt für alle. 

 

Das setzt zu allererst ausreichend Wohnraum voraus. Heute gibt es in der Stadt etwa 900.000 Wohnungen. Anfang der zwanziger Jahre unseres Jahrhunderts werden in Hamburg wahrscheinlich eine Million Wohnungen gebraucht, und deshalb müssen Jahr für Jahr neue entstehen, wenn für alle Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt attraktiver und bezahlbarer Wohnraum vorhanden sein soll. Von den 6.000 Wohnungen, die jedes Jahr neu gebaut werden, werden 2000 als geförderter Wohnungsbau realisiert, um allen Bürgerinnen und Bürgern in ihrer Stadt und ihrem Quartier eine hohe Lebensqualität zu ermöglichen. 

 

Das trägt übrigens zur sozialen Mischung in vielen Quartieren bei und soll in den neuen Wohngebieten der HafenCity ebenso gelten wie im zukünftigen Stadtviertel Neue Mitte Altona und in den vielen einzelnen Wohnungsbauprojekten, die im Stadtgefüge entstehen werden. Neben dem Bau von preisgünstigen kleinen Wohnungen für die zunehmende Zahl von Ein-Personen-Haushalten wird auch preisgünstiger Wohnungen für Familien eine wichtige Aufgabe sein. 

 

Dazu gehört die Förderung und aktive Unterstützung von Baugemeinschaften. Sie hat sich als ein erfolgreicher Weg erwiesen, um unterschiedlichen Zielgruppen bezahlbares Wohnen in der kompakten Stadt zu ermöglichen. Deshalb wird Hamburg Baugemeinschaften im Rahmen des Wohnungsbauprogramms in der gesamten Stadt weiter fördern. 

 

Hamburg ist eine Mieterstadt. Rund drei Viertel von derzeit gut 900.000 Wohnungen sind Mietwohnungen. Etwa 30 Prozent des Wohnungsbestandes befindet sich in Händen von Wohnungsbaugenossenschaften und des städtischen Wohnungsunternehmens SAGA GWG. Sie bilden mit ihrem großen Angebot preisgünstiger Wohnungen einen wichtigen Teil des Hamburger Wohnungsmarktes. Hinzu kommt, dass Hamburg – nachdem es die neuen Regeln des Bundesgesetzgebers zur Begrenzung des Mietanstiegs wesentlich mit beeinflusst hat – die neuen Spielräume schon genutzt und die Mietererhöhungen von 20 Prozent auf 15 Prozent innerhalb von drei Jahren gesenkt hat. 

 

Aber eine gerechte Stadt ist mehr als bezahlbarer Wohnraum. Dazu gehört auch, was die Amerikaner „pursuit of happiness“ nennen, das Streben nach Glück. Die wichtigste Voraussetzung dafür ist und bleibt Bildung. Ein attraktives Angebot an Bildungsinfrastruktur wird künftig von wachsender Bedeutung für alle Quartiere sein. 

 

Das Angebot muss Offenheit für alle demonstrieren und den Anspruch auf Inklusion aller erfüllen – aus welch unterschiedlichen Kulturen und Religionen sie auch stammen, mit ihren jeweiligen Kompetenzen, aber auch ihren Handicaps. Dies kann nur gelingen, wenn sich die Schulen mehr ihrem Stadtteil öffnen – und die Stadtteile ihren Schulen. Erste Best-Practice-Beispiele gib es schon mit der „Tor zur Welt“-Schule auf der Elbinsel Wilhelmsburg, und dem Bildungs- und Gemeinschaftszentrum Süderelbe in Harburg. Am Osdorfer Born, in Steilshoop, in der Neuen Mitte Altona und an vielen anderen Standorten werden künftig weitere zukunftsfähige Bildungseinrichtungen folgen.

 

Meine Damen und Herren,

Hamburg ist eine von der Geografie begünstigte Stadt: die Lage an der Elbe, auf Marsch und Geest, und der große quasi-Binnensee mitten in der Stadt, die Flüsse und Kanäle, haben dazu geführt, dass auch heute noch sehr hochwertige und vielfältige Naturräume zum Teil mitten in unserem Stadtgebiet liegen. Die wollen wir, ich habe es schon gesagt, nicht nur erhalten, sondern ihre Qualität verbessern.

Diese Nähe zum Wasser bietet eine hohe Lebensqualität. Hamburg schöpft einen großen Teil seiner Wirtschaftskraft aus dieser Wasserlage und einen großen Teil seiner Attraktivität für Besucher. Allein zum Hafengeburtstag kommen jedes Jahr mehr als eine Million Gäste, egal ob die Sonne scheint oder wie in diesem Jahr „Schietwetter“ herrscht. Der Elbstrand gehört vor allem im Sommer zu den beliebtesten Ausflugszielen.

 

Ihr Potenzial will die Stadt weiter entwickeln. Die Aufgabe der nächsten Jahre wird sein, die Trennwirkung der Elbbrücken zu überwinden und in der östlichen Inneren Stadt neue Wasserlagen an Elbe und Bille zu erschließen. Dazu tauschen wir uns mit anderen großen internationalen Metropolen darüber aus, wie sie ihre Waterkanten entwickelt haben. 

 

Rund 30.000 Einwohner zusätzlich können in den bereits heute geplanten Projekten am Wasser zusätzlich leben. Etwa 50.000 bis 70.000 werden dort arbeiten. Mit der weiteren Hinwendung der Stadt zur Wasserkante wird Hamburg eine im Alltagsleben noch deutlich maritimer geprägte Metropole werden als sie es bereits heute ist.

 

Ich will das an einem Beispiel verdeutlichen. Vor einem Jahr haben wir die Baakenhafenbrücke eingeweiht, die die östliche HafenCity erschließt. Das neue Quartier, das dort entsteht, zeigt wie in einer Nussschale, was wir wollen. 

 

Wir wollen eine Mischung von Wohnen und Arbeiten. In den neuen Quartieren in der östlichen HafenCity entstehen in den kommenden Jahren 2.800 neue Wohnungen und etwa 18.000 Arbeitsplätze. Das Thema heißt Leben am Wasser – auch in erschwinglichen Mietwohnungen. Die in der Regel vier- bis siebengeschossigen Wohnhäuser werden sich zum Hafen und zum Wasser hin öffnen. Hinzu kommen Geschäfte und Sportanlagen.

 

Wir wollen wohnortnahe Erholungsgebiete: Hamburg wird im Baakenhafen eine neue Insel bekommen. Sie wird aufgeschüttet, gesichert, etwa 1,5 Hektar groß und dann ausschließlich der Erholung gewidmet sein: die „Freizeitinsel“. 

 

Und wir wollen gute Anbindung an den Öffentlichen Nahverkehr: Die Verlängerung der U 4 bis zu den Elbbrücken wird das Quartier auch für Pendler gut erreichbar machen. 

 

Ein Projekt, das nicht einfach so für sich steht, sondern eingebettet ist: in die langfristige Aufgabe, das Schnellbahnsystem insgesamt auszubauen. In diesem Jahrzehnt gehören dazu: die eben erwähnte Verlängerung der U4, der Ausbau der S4 nach Ahrensburg, der S 21 in Richtung Kaltenkirchen und der Bau der neuen S-Bahn-Stationen an den Elbbrücken und in Ottensen. Und alle Schnellbahnstationen der Stadt müssen barrierefrei ausgebaut werden. 

 

In den zwanziger und dreißiger Jahren muss dann die nächste Stufe des Ausbaus feststehen. Wir dürfen – das steht ganz richtig so im Text der BSU – nicht hinter vergleichbare Metropolen, die ihre Metro erheblich ausbauen, zurückfallen. Wir planen deshalb auch eine neue U-Bahn-Linie (U5), neue Stationen und eine Erweiterung, zum Beispiel die Verlängerung der U-Bahn in Richtung Horner Geest.

 

Und wenn – ich kehre noch einmal an die Baakenhafenbrücke zurück – dort möglicherweise das eine oder andere Hochhaus gebaut wird – ein „Klein Chicago“ wird nirgends entstehen, und auch die Altstadtkulisse mit ihren Kirchtürmen bleibt erhalten.

 

Meine Damen und  Herren,

an einem Punkt allerdings werden wir noch ein bisschen arbeiten müssen. Ich habe eingangs von der „walkable city“ gesprochen, der erlaufbaren Stadt. Zukunftsforscher haben festgestellt: Das Verkehrsmittel mit der stärksten Zuwachsrate ist das Fahrrad und natürlich hat die Netzgemeinde auch dafür ein Tool entwickelt. Es nennt sich neudänisch „Copenhagenize Index“, weil Kopenhagen als Paradies der Radfahrer gilt. Der Index misst die Fahrradfreundlichkeit einer Stadt.

 

Hamburg gehört zu den Top Twenty weltweit. Das ist die gute Nachricht. Die nicht so gute: Wir sind bei den Top Twenty noch relativ weit hinten. Aber ich bin mir sicher: We´ll move up the charts.

Und nicht nur das. Wir werden unsere öffentlichen Verkehrsangebote so organisieren, dass jedes Reiseziel spontan und unkompliziert mit verschiedenen ineinander greifenden Verkehrsmitteln erreicht werden kann. Egal ob Spaziergang, Bahn, Bus, Mietauto oder Fahrrad – sie alle sind gut kombinierbar und machen es möglich, sich auch ohne eigenes Auto schnell und flexibel durch die Stadt zu bewegen. Das nennen wir Intermodalität… oder auch „Hamburgize index“. 

 

Sie sehen also: Es gibt viel zu tun. Packen wir es an für eine große Stadt mit hoher Lebensqualität und starker Wirtschaft, mit spannenden Wasserlagen und grünen Oasen, mit herausfordernder Kreativität und dem Herzschlag der Industrie mitten in der Stadt. Für eine große Stadt mit großer Zukunft.

 

Es gilt das gesprochene Wort.

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