Olaf Scholz
07.12.2016

Grußwort: Hannelore-Greve-Preis an Hanns-Josef Ortheil

 

Sehr geehrte Frau Professor Greve,
sehr geehrte Frau Erste Vizepräsidentin der Hamburgischen Bürgerschaft,
sehr geehrter Preisträger,
sehr geehrte Herr Dr. Krause,
sehr geehrte Vertreter des Konsularischen Korps,
meine sehr verehrten Damen und Herren,


Im Namen des Senats der Freien und Hansestadt Hamburg heiße ich Sie alle willkommen zur Verleihung des Hannelore-Greve-Literaturpreises. Längst gehört er zu den bedeutendsten seiner Art im deutschsprachigen Raum. Darüber freuen wir uns in Hamburg sehr.

 

Dabei ist diese Würdigung nicht nur für die Preisträger und für die Stadt, die durch den Erfolg des Preises weiter an literarischer Statur gewinnt, eine gute Sache. Ein Literaturpreis macht immer auch einen Lesevorschlag, und im Fall des Hannelore-Greve-Preises sollte man diesem Vorschlag unbedingt folgen. Das hatte sich schon 2004 bei der ersten Preisvergabe an Siegfried Lenz abgezeichnet, setzte sich im Zweijahresrhythmus fort und trifft nun ganz sicher auch auf den siebten Preisträger zu.


Deshalb freue ich mich sehr, dass ich Sie, lieber Hanns-Josef Ortheil, heute im Hamburger Rathaus begrüßen darf. Ich hoffe, Sie haben trotz der hohen Weihnachtsmarktdichte drum herum gut hergefunden.


Ganz besonders willkommen heißen möchte ich auch die Stifterin des Preises:
Liebe Frau Professor Greve, es ist schön, dass nach Ihrem 90. Geburtstag im November schon wieder ein Anlass zur Zusammenkunft besteht. Wir erinnern uns an diesem Tag auch gerne an Ihren Ehemann Professor Helmut Greve, den wir in unserer Mitte heute sehr vermissen.


Meine Damen und Herren,
Hanns-Josef Ortheil gehöre zu den „bildungsfreudigsten deutschen Schriftstellern überhaupt“, heißt es in der Begründung der Jury. Damit bringt sie einen für unsere Gegenwart wichtigen Begriff ins Spiel: Bildungsfreude. Das ist ein etwas aus der Mode gekommenes Wort, das zwei Dinge zusammenbringt, die unbedingt zusammengehören und deren Kombination gewissermaßen die Spezialität unseres Preisträgers ist.

 

Bildungsfreude, mit Betonung auf dem zweiten Wortteil, dieser Quell für persönliches Lebensglück und Teilhabe an der Welt bekommt bei Hanns-Josef Ortheil etwas höchst Ansteckendes. Selten springt die Freude an Bezügen, gedanklicher Klarheit und präziser Beobachtung so über wie bei ihm.


Auch in Ihrem neuen Buch können Sie, lieber Herr Ortheil, sich begeistern für das Denken und für ein Philosophieren, das Schritt für Schritt ein Motiv oder Thema entwickelt und den Leser zum Mitdenken animiert. „Man begleitet ein Denken auf seinem Weg, als ginge es ganz von vorne los“, schreiben Sie da. Ich habe den Eindruck, dass wir der Freude an einem solchen Denken, das ohne die Vorwegnahme von Annahmen und Meinungen auskommt, im Moment ganz besonders bedürfen.

Es ist ein in Europa und seinen philosophischen Traditionen verwurzeltes Denken, das bei Hanns-Josef Ortheil leichtfüßig und lebensnah daherkommt. In seinem neuen Buch erzählt er vom Reisen, vom Wohnen, vom Essen und Trinken, der Musik und Literatur und von seiner Neigung zu Italien, die sich unter anderem in einer Vorliebe für Kutteln in Weißwein mit grünen Oliven äußert. Es sind kurze Texte, die Aufschluss über die Lebenskunst und das umfangreiche Werk des Autors geben.


Ein starker Bezug zum eigenen Leben ist typisch für viele Texte von Hanns-Josef Ortheil, doch oft bestimmen im Hintergrund die zeitgeschichtlichen Ereignisse das Dasein. Das gilt besonders für den Schlüsselroman „Die Erfindung des Lebens“, in dem wohl nur wenig erfunden ist und der von der Kindheit in Köln und im Westerwald erzählt. Vier Söhne hatten die Eltern während des Zweiten Weltkrieges verloren, worüber erst die Mutter verstummte und dann auch der fünftgeborene Sohn.


Bis zu seinem achten Lebensjahr sprach Hanns-Josef kein Wort. Doch schon als Kind begann er das Schreiben. In der Abstellkammer hatten die Eltern dem Jungen ein Stübchen eingerichtet – ein Tisch, ein Stuhl, ein paar Regale, sonst nichts, was ablenken könnte. Dort hielt Hanns-Josef Tag um Tag sein „flackerndes Denken und Fühlen“ fest – ein unermesslicher Schatz für die kommenden Jahrzehnte. „Wörter entstehen im Kopf wie aus dem Handgelenk“: So fasste Ortheil die Folgen dieser „éducation sentimentale“ später zusammen.


Doch was da seither aus dem Handgelenk entsteht, hat es in sich. Der Leiter des Hamburger Literaturhauses Rainer Moritz hat Hanns-Josef Ortheil deshalb einmal als „einen der kühnsten Belletristen dieser Tage“ bezeichnet. Denn ab 2003 wagte sich Ortheil – zur Verblüffung der Literaturkritik und zum Wohlgefallen seiner Leserschaft – an eine Trilogie von Liebesromanen, die auf Ironie und postmoderne Spielchen vollständig verzichteten. Stattdessen schrieb er sehr ernsthaft über Paare, die zueinander finden, beieinander bleiben und sich an der Anwesenheit des anderen erfreuen.


Hanns-Josef Ortheil ist ein Menschenfreund. Das hatte sich schon in seiner Auseinandersetzung mit dem schwierigen Erbe der Nachkriegsgeneration gezeigt. Anders als Peter Weiss, Guntram Vesper oder Christoph Meckel näherte Ortheil sich diesem Thema ohne Bitterkeit. Er fragte auch nach dem Versöhnlichen und versuchte Schritt für Schritt die Motive derer zu begreifen, die zu Widerstandshelden nicht getaugt hatten. Damit schlug er, wie in seinen Erzählungen von der Liebe, einen neuen Ton an.


Liebe Frau Greve,
lieber Herr Ortheil,
wir freuen uns in Hamburg sehr über diesen Preis und seinen Preisträger 2016. Und wir bedanken uns herzlich bei Ihnen, Frau Professor Greve, dass Sie sich für die Literatur in Hamburg auf diese Weise stark machen.


Mit ihrem Einsatz für unsere Stadt verkörpern Hannelore Greve und ihr verstorbener Mann Helmut das hanseatische Mäzenatentum par excellence. Viele Bauwerke, wissenschaftliche und kulturelle Projekte würde es ohne Ihren Einsatz nicht geben, ganz zu schweigen von der Elbphilharmonie, in der wir in wenigen Wochen das „Helmut und Hannelore Greve Foyer“ einweihen werden. Ich erwähne das, weil einige von Ihnen ja aus Stuttgart oder anderswo südlich der Elbe kommen, wo dies nicht so bekannt sein dürfte wie bei uns.


Aber nun wollen wir den Preisträger gebührend feiern. Wie ich gehört habe, hält er seine Beobachtungen und Gedanken nach wie vor in schlichten, eng beschriebenen Notizbüchern fest. Tausende sollen es mittlerweile sein. Und wer weiß, vielleicht wandert ja auch von der heutigen Feierstunde etwas in ein solches Notizbuch und wird irgendwann Literatur.


Sehr geehrter Herr Ortheil, ich gratuliere Ihnen herzlich zum Hannelore-Greve-Literaturpreis.


Vielen Dank.

 

Es gilt das gesprochene Wort.

zurück zur Liste

JETZT IM BUCHHANDEL

OLAF SCHOLZ

HOFFNUNGSLAND
Eine neue deutsche Wirklichkeit