Olaf Scholz
06.02.2017

Grußwort: Senatsfrühstück zum 80.Geburtstag von Volkwin Marg

 

Sehr geehrter Herr Prof. Marg,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

80 Jahre – das ist nicht nur für einen Menschen, das ist auch in der Architektur eine lange Zeit. Die Wiederaufbaujahre und das Ideal einer aufgelockerten und autogerechten Stadt, die rigorose Trennung von Wohnen, Arbeiten und Freizeit, Einfamilienhausbesiedlung und sozialistische Wohnstädte, funktionale und organische Architektur, Nachkriegs- und Postmoderne – all diese Entwicklungen haben Sie miterlebt, seit 1965 als Architekt in Hamburg.

Und heute? Hamburg wächst; die Stadt baut so viel wie seit 20 Jahren nicht mehr, ganze Stadtteile entstehen neu – nicht nur an der Peripherie, so wie früher, sondern im Herzen der Stadt und an ihren Wasseradern entlang. Diese Idee hatten Sie, Volkwin Marg, ja schon vor über 40 Jahren: dass Hamburg sich dem Wasser zuwenden möge und man in der City auch wieder wohnen und nicht nur einkaufen und arbeiten solle – so das Resümee Ihrer Senatsstudie „Bauen am Wasser“ aus dem Jahr 1973.  

Aber Stadtplanung hat eine lange Inkubationszeit, auch weil sie eben nie unpolitisch ist, um eines Ihrer Bücher zu paraphrasieren. Den Ideen ergeht es dann manchmal wie einem Murmeltier: Sie müssen lange überwintern. Die Temperatur sinkt ab, der Puls verlangsamt sich und die Idee wirkt nur noch im Verborgenen fort – doch wenn sie dann aus dem Winterschlaf erwacht, kann es passieren, dass der Eindruck entsteht, die Welt habe nur auf sie gewartet.

Wie ein überstürztes Frühlingserwachen mag es auch für Unbeteiligte ausgesehen haben, als Henning Voscherau am 7. Mai 1997 in seiner legendären Rede vor dem Überseeclub den Bau der Hafencity verkündete. Die vorangegangenen Manöver und Kabalen im Hintergrund kann man nun ja bei Volkwin Marg und Gert Kähler nachlesen – eine Hamburger Geschichtsstunde, die es mit einem guten Politthriller bei Netflix aufnehmen kann.

Das entscheidende, streng geheime Gutachten jedenfalls war wieder mal von Volkwin Marg, der in dieser Sache nicht locker ließ. Die Bebauungsskizze für das Areal zwischen Grassbrook und Baakenhafen präsentierte per Hand gezeichnete hufeisenförmige Wohnhäuser in Backsteinrot. Das sah recht anders aus als die Hafencity, wie wir sie heute kennen, und doch spürte der Betrachter sofort, welche Möglichkeiten diese Flächen für städtisches Leben boten und welches Juwel in der Speicherstadt schlummerte.

Das war damals eine starke Leistung: Wer das Luftbild der Studie anschaut, sieht trostlose Industriebrache, wenig attraktive Speichergebäude und ein nichtssagendes Flachdach auf dem Kaispeicher A – also kaum etwas, das die Ahnung eines spannenden, urbanen Stadtteils nebst Weltkulturerbe hätte aufkommen lassen. Aber Volkwin Marg hat die Sicht auf das Areal freigelegt – das gehört ja zu seinen großen Gaben.

Inzwischen gehen am Baakenhafen und an den Elbbrücken die letzten Abschnitte der Hafencity in die Realisierung. Am Baakenhafen entstehen nun vor allem Wohnungen, auch geförderte. Die besten Lagen nicht als reines Luxusquartier, sondern auch für Leute mit Durchschnittseinkommen oder für private Bauprojekte, die jetzt immer öfter entstehen und in denen sich oft mehrere Generationen  zusammenfinden, um gemeinschaftliche Formen des Wohnens auszuprobieren.  

Wir wollen keine Verhältnisse wie in London oder Stockholm, wo Familien oder junge Leute wegziehen, weil sie die Mieten nicht bezahlen können. Wir wollen auch in dreißig, vierzig Jahren eine offene Stadt sein, in der sich die Einkommen und Kulturen mischen und jeder in seinem Stadtteil jemanden kennenlernen kann, der deutlich mehr oder weniger verdient als er selbst. Das werden nur wenige Städte auf der Welt schaffen, und Hamburg will eine von ihnen sein.

Aber wir werden das nicht allein durch Subventionierung hinkriegen. Deshalb ist das 8-€-Haus, das die SAGA GWG gerade entwickelt, für die Zukunft der Stadt so wichtig. 8 Euro Nettokaltmiete pro Quadratmeter ist das, was ein Durchschnittsverdiener zahlen kann. Daran müssen wir uns orientieren, ohne erneut das ökonomisch Notwendige gegen das, was Schumacher als „Kunstwerk Hamburg“ bezeichnet hat, auszuspielen. Deshalb sind für das geplante Systemhaus auch unterschiedliche Fassadenelemente und Dachformen angedacht,  die dann – abgestimmt auf das gewachsene städtische Umfeld – variabel einsetzbar sind.

Hamburg wächst. Aber anders als früher darf das Wachstum dieses Mal weder zu Lasten der städtebaulichen Zusammenhänge noch zu Lasten  mittlerer und unterer Einkommensschichten gehen.  
Da sind auch die Architekten gefragt, hier gute neue Lösungen zu finden.

Lieber Volkwin Marg,
es gäbe natürlich auch einiges jenseits Ihrer Wahlheimatstadt zu sagen. Schon Ihren ersten Coup, den sechseckigen Flughafen Berlin-Tegel, haben Sie, zusammen mit Ihrem Partner Meinhard von Gerkan, ja woanders gelandet. Stilprägend waren auch die neue Messe Leipzig, das Olympiadach in Berlin und natürlich die Stadien, denen trotz ihrer Größe eine gewisse Leichtigkeit und Transparenz eigen sind.

Das ist schon bemerkenswert: dass ausgerechnet der Verfechter eines maßhaltenden und geschichtsbezogenen Bauens zu einem Experten für die großen Wettkämpfe und ihre Arenen geworden ist. Kapstadt, Durban, Port Elizabeth, Brasilia, Belo Horizonte und Manaus, Kiew, Warschau und das russische Krasnodar, Berlin, Frankfurt und Köln – die Stadien allein wären für ein Lebenswerk ja schon ausreichend und sind doch nur ein Ausschnitt. Volkwin Marg hat im Laufe der Jahre in nahezu allen großen deutschen Städten gebaut und zunehmend auch in China, Indien, Südafrika und Brasilien. Das war immer die andere Seite seiner großen Verbundenheit mit Hamburg.

Hamburg hat Volkwin Marg viel zu verdanken. Nicht mehr wegzudenken sind identitätsstiftende Bauten wie das Hanseviertel und die Wohnungen am Fischmarkt, das Augustinum, das Zürichhaus und die Fleetinsel, die Airbushalle in Finkenwerder, die wiederaufgebaute „Fabrik“ in Altona, demnächst auch das Häuserensemble am Alten Wall gleich neben dem Rathaus und viele mehr. Dass Architektur verständlich sein müsse und das Neue deshalb immer wieder die Rückkopplung an Vertrautes brauche, das gehört zu Ihren humanistischen Grundüberzeugungen. „Ich bin ja wohl ein Konservativer“, haben Sie deshalb einmal, etwas selbstironisch, über sich selbst gesagt.

Aber prägend sind Sie nicht nur als Architekt, der die großen Traditionslinien mit modernen Materialien und Formen zu verbinden weiß,  sondern eben auch als stadtplanerischer Vordenker und als Begleiter, manches Mal auch als Kritiker baupolitischer Entscheidungen. Vehement haben Sie sich eingesetzt für die Wiederherstellung des Fischmarkts, die Rettung der Fischauktionshalle, den Museumshafen Övelgönne und den Erhalt  des zusammenhängenden Speicherstadtensembles. Dass dies geglückt ist, darüber kann man nur froh sein. Und doch gibt es mit den Cityhof-Häusern von Rudolf Klophaus nun auch ein Beispiel, bei dem die unterschiedliche Einschätzung, die sich sowohl an den konkreten Gebäuden und ihrer Bedeutung für den Abschluss des Kontorhausviertels wie am Gesamtwerk und der Rolle des Architekten unter den Nationalsozialisten festmacht, nicht auflösen ließ. Nun müssen wir abwarten, ob der Neubau gelingt und die Bewertung rückblickend noch verschieben wird.

Verehrter Volkwin Marg,
als „Balanceakt zwischen künstlerischer und gesellschaftlicher Verantwortung“ haben Sie die „Architektur im Alltag der Demokratie“ einmal beschrieben. Und nach diesem Credo handeln Sie auch seit mehr als einem halben Jahrhundert. Wie nur wenige nehmen Sie sich nicht nur für einzelne Projekte, sondern für die Stadt in ihrer ganzen architektonischen, sozialen und kulturellen Vielgestalt in die Pflicht. Dafür ist Hamburg Ihnen sehr dankbar. Und so gehen meine Glückwünsche zu Ihrem 80. Geburtstag mit der Hoffnung einher, dass Sie als Architekt und als politische Stimme noch lange in unserer Stadt sichtbar und hörbar bleiben mögen.

Alles Gute für die Zukunft! Und vielen Dank.

 

Es gilt das gesprochene Wort.

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