Olaf Scholz
16.02.2017

Grußwort: Senatsfrühstück anlässlich des 90. Geburtstags von Eberhard Möbius

 

Sehr geehrter Herr Möbius,
meine Damen und Herren,

Leichtigkeit ist erfahrungsgemäß eine schwere Sache.

Den Satz lasse ich erstmal so stehen. Und wende mich einer mittelschweren, aber sehr angenehmen Aufgabe zu: unserem verehrten Eberhard Möbius, Träger der Biermann-Ratjen-Medaille und etlicher weiterer Auszeichnungen, die doppelten Glückwünsche des Senats zu überbringen, zum 90. Geburtstag und zum 70. Bühnenjubiläum. Beides konnten Sie 2016 in Hamburg feiern und das begeisterte Publikum durfte dabeisein.

Warum sage ich: mittelschwere Aufgabe? Weil das Jubiläumsprogramm im Ernst-Deutsch-Theater sehr rasant daherkam, es hieß: „Möbi kommt mit 90 Sachen“; und dazu sollen mir jetzt seriöse, staatstragende Sätze einfallen. Wo doch ein „90. Geburtstag“ auf einer Theaterbühne schon genug Stolperfallen bereithält. Daran erinnert uns an jedem Silvesterabend das Fernsehen.

Aber Sie, Herr Möbius, hätten es an Ihrem öffentlichen Ehrentag wohl kaum ausgehalten, sich bloß zurückzulehnen und zuprosten zu lassen, mit [ʃæmˈpeɪn] „champagne with the bird“. Sie haben ihrem Publikum und der Stadt Hamburg immer selbst eingeschenkt und tun es weiterhin.

Wobei sich Leichtes und Schweres – wie eigentlich bei allen leidenschaftlichen Bühnenmenschen – in Ihrer Vorstellung nie ausgeschlossen haben. Sie waren noch nicht lange in Hamburg, als sie Eugène Ionesco [Vertreter des absurden Theaters] inszenierten. Wenn ich jetzt sehr mutig wäre, würde ich fragen: Ist Ionesco eigentlich schwer oder leicht? Ich lasse das offen und sage lieber, in welche Zeit wir uns gerade zurückbegeben: in die späten 1950er, als die großen und die kleinen Theater schon seit einiger Zeit wieder spielen durften, was sie wollten und konnten, und das Publikum – das alte und erst recht das junge – die Freiheit genoss. Natürlich auch die Freiheit, zu kritisieren.

Ein Pressezitat dazu, in dem dieses Gefühl mitzuschwingen scheint: „Hamburg hat übrigens eine neue Bühne bekommen“, schrieb das Abendblatt schon im Dezember 1952, „unscheinbar noch und kaum beachtet, aber von so anrührendem Idealismus und so viel Hoffnungen getragen, dass auf sie aufmerksam gemacht werden soll: auf das ´theater 53´ in seiner anheimelnden Holzbaracke auf dem Bunkergelände an der Rothenbaumchaussee.“

 

Nach ein paar Jahren musste es wegziehen, in den Keller einer Gaststätte an der Landwehr. Dort wurde es schwieriger, das Publikum füllte das ´theater53´, so klein es war, nicht mehr so richtig, aber Ionesco und die anderen avantgardistischen Autoren blieben im Programm, immer wieder auch von Eberhard Möbius inszeniert, der inzwischen zum Team gestoßen war. Die Konkurrenz wurde vielfältiger, bald sollten Uwe Seeler und die Beatles das Freizeitverhalten der Hamburgerinnen und Hamburger diversifizieren. Eine aufregende Zeit muss es zwischen Rothenbaum, Großer Freiheit und Landwehr gewesen sein.

Damals hat sich Eberhard Möbius – geboren im Harz, in Wernigerode am 11. Oktober 1926 – zum Hamburger aus Leidenschaft entwickelt, wie er es in einem Interview genannt hat. Die Leidenschaft wandte sich gleich dem Hafen und den Schiffen zu, und das hat Hamburg zum bleibenden Vorteil gereicht. Auch wenn man inzwischen spürt, dass Ihnen, Herr Möbius, Ihre Heimat im Harz, in Wernigerode, in der – ab 1949 – DDR emotional wieder deutlich näher gerückt ist. Die Annäherung zwischen den beiden Deutschländern war Ihnen immer ein Anliegen.

Der Schritt nach Hamburg, wie bei manch anderen, nicht ganz unprekär. Mit vielen künstlerischen Erfahrungen an Theatern in der DDR ausgestattet, traten Sie am 15. Januar 1958 erstmals mit dem Theater aus Stralsund in Hamburg auf – ohne Genehmigung und Absprache mit den Funktionären zu Hause nach einem genehmigten Auftritt in Schleswig – und zwar auf der Bühne von Friedrich Schütter, die damals noch das ´Junge Theater´ hieß und in der Marschnerstraße ansässig war.

In Hamburg bleiben zu wollen, hieß allerdings erstmal: einen Broterwerb zu finden, und dass Eberhard Möbius als Schiffs- und Kesselreiniger im Hafen gearbeitet hat, ist ein Beispiel dafür, dass das Leben die besten Pointen selbst schreibt. Welchen sagenhaften Ruf die Hamburger Ketelklopper und ihre besondere Sprache hatten, muss jedem, der im Hafen arbeitete, nach den ersten drei Tagen klar gewesen sein, und einen Hafen- und sprachaffinen Menschen muss das fasziniert haben.

Bald rief das erwähnte, in Hamburg unvergessene, von Uwe Friedrichsen, Markus Scholz und Karl-Ulrich Meves begründete ´theater53´. Und, avantgarde oder nicht, es tastete sich auch an populärer verständliche Stücke heran. Was mich auf den Satz vom Anfang zurückkommen lässt, von der Leichtigkeit, die eine schwere Sache sei.
Die Behauptung haben wir schon in zahlreichen Varianten gehört. Vielleicht ist sie deshalb so beliebt, weil sich Theaterschaffende und Kritiker darin ausnahmsweise einig sind. Oder ist es vielleicht nicht so, dass Medienschaffende das Leichte eher scheuen? Zumindest erzählen das alle Lokalredakteure: Wenn das Kulturresort den erkrankten Politik- oder Sportmenschen vertreten soll – kein Problem. Wenn aber im Kulturressort ein Engpass ist und der  Politik- oder Sportmensch wird ins Theater geschickt, womöglich in ein kleines Theater, wo er in der ersten Reihe sitzt – dann ist die Leichtigkeit schon gleich dahin.

Ich weiß aus zuverlässiger Quelle, dass auch Sie, Herr Möbius, in späteren Jahren auf „dem Schiff“, dieser fest vertäuten und doch irgendwie schwankenden Hamburger Institution, es den Journalisten nicht immer erspart haben, plötzlich selbst auf eine launige Frage antworten zu müssen. Wenn die Antwort dann lautete: „Äh, also, ich meine…“, dann konnten Sie sicher sein: An der Kritik würde der Schreiber mehrere Stunden herumkauen, denn da durfte nun kein Halbsatz mißlingen.

War es vielleicht so ähnlich im Mai 1959? Eberhard Möbius habe „Scapins Gaunereien“ inszeniert, so das Hamburger Abendblatt, und zwar, wie es schrieb, im „Kellertheaterchen an der Landwehr“. Dann kam der Satz von eben mit der Leichtigkeit, und, Fortsetzung des Zitats: „Das beweist auch diese in vielen Einzelzügen reizende Aufführung, die noch keine rechte Linie gefunden hat. (Klammer auf: Sie aber gewiss noch finden kann, Klammer zu.)“ Zitatende

Meine Damen und Herren,
soweit ich es beurteilen kann, hat Eberhard Möbius seine Linie dann ja doch gefunden, ohne jemals programmatisch linientreu zu sein. Und „das Schiff“ am Nikolaifleet, 1975 mit seiner Frau Christa Möbius dort festgemacht, war und ist seitdem aus dem Hamburger Kulturprogramm nicht wegzudenken und es ist mit dem Namen dieses Paares fest verbunden, das dreißig Jahre lang – bis 2005 – „das Schiff“ geführt hat.

Eberhard Möbius, und das war eine Voraussetzung, ist begeisterungsfähig und kann andere begeistern. Er sprüht vor Ideen, aber es bleibt nicht bei den Ideen. Nur einige Beispiele:

Ein Stand des ´Jungen Theaters´ – des heutigen Ernst-Deutsch-Theaters, in dem Eberhard Möbius seit 1962 arbeitete, auf „Du und Deine Welt“ wurde zunächst von anderen Theatern belächelt – bis sie feststellen mussten, dass man hier für Theater werben, begeistern und auch Abonnements verkaufen konnte. In der Zeit war er schon Oberspielleiter und Dramaturg. 1969 waren dann zum ersten Mal alle Hamburger Theater mit einem gemeinsamen Stand vertreten.

Auf der Messe wurde dann die Rutsche des ´Theaters für Kinder´ der Renner. Ob diese Rutsche seinen Wechsel dorthin einleitete? Jedenfalls überzeugte er ab 1971 auch als künstlerischer Leiter des ´Theaters für Kinder´ von Uwe Deeken, mit Inszenierungen zum Beispiel von Paul Maar und Astrid Lindgren und auch mit eigenen Stücken, die aktuelle politische Bezüge haben konnten, wie 1973 „Die vier vom Kuddelmuddelplatz“ zum damals viel diskutierten Thema Bauspielplätze. Überhaupt wurde Eberhard Möbius schon damals so geschätzt und war so gut vernetzt, dass er zum Beispiel im Malersaal des Deutschen Schauspielhauses die „Kikerikiste“ von Paul Maar im Februar 1973 als Premiere des Theaters für Kinder inszenieren konnte.

Dann natürlich das Alstervergnügen – von Ihnen, Herr Möbius, 1976 erfunden – als künstlerisches Ereignis und, darauf legen Sie Wert, nicht als, nun ja, „Fressmeile“. Was das betrifft, bin ich natürlich streng neutral und das Schaustellergewerbe liegt uns am Herzen, aber ich will doch zitieren, was Sie vor ein paar Jahren rückblickend dem Abendblatt ans Herz gelegt haben: „Straßentheater, Kindertheater, Aldo Ceccato mit den Philharmonikern und John Neumeier mit ´Schwanensee´ auf der Bühne. Zum Abschluss gab es ein lautloses Feuerwerk, dazu spielte die Beatles Revival Band oder das Schnuckenack Reinhardt Quintett. Kein Krach und Bumm.“

Sehr geehrter Herr Möbius,
auch das lasse ich jetzt so stehen. Mit Ihrer Begeisterungsfähigkeit, das steht fest, haben Sie viele Künstler zum Mitmachen überzeugt. Kaum ein Künstler hat widerstehen können, wenn er von „Möbi“ an Bord gebeten wurde: Senta Berger, Peter Ustinov, Gert Fröbe, Heinz Reincke, Helmut Qualtinger, Helmut Lohner und viele andere sind hier auf der Bühne gewesen – neben den unvergesslichen Auftritten von Eberhard Möbius selbst auf dem immer ausverkauften und nicht subventionierten Schiff.

Dass in der Kulturbehörde nie jemand sicher sein konnte, wann und wo Sie – immer gut gelaunt und mit einem Anliegen – auftauchen würden, konnte und kann dieser sehr wichtigen Behörde auch unter ihrer jetzigen neuen Leitung nur nützen.

Und was Sie, Herr Möbius, vor Jahren dem „Hamburger Echo“ als Erfolgsprinzip anvertraut haben, sollten wir uns alle zu eigen machen, in Hamburg und weltweit, ich zitiere: „Laut und deutlich sprechen, nicht an die Möbel stoßen und nicht dahin gehen, wo schon ein Kollege steht“.


Alles Gute und vielen Dank

 

Es gilt das gesprochene Wort.

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