Olaf Scholz
17.03.2017

Grußwort zur 125-Jahr-Feier Vierländer Volksbank eG

 

Sehr geehrter Herr Voß,
sehr geehrter Herr Baumann,
sehr geehrter Herr Bockelmann,
sehr geehrter Herr Fröhlich,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

„was wir alleine nicht schaffen, das schaffen wir dann zusammen …“ Deutschland kennt diese Zeile aus der Zeit der Fußballweltmeisterschaft. Das Lied wurde die Hymne des Sommermärchens.

Nicht weniger weltmeisterlich ist das fast gleich lautende genossenschaftliche Grundprinzip: „Was dem Einzelnen nicht möglich ist, das vermögen viele …“, formuliert hat es Friedrich Wilhelm Raiffeisen. Raiffeisen gehörte wie der Jurist Hermann Schulze aus Delitzsch zu den Vordenkern der Genossenschaftsidee. Wie übrigens auch der Wandsbeker Sozialdemokrat und Gründer der Volksfürsorge, Adolph von Elm.

Gemeinsames Wirtschaften und solidarisches Handeln war ihre Antwort auf die Industrialisierung. Neue Produktions- und Transportmöglichkeiten und die zunehmende Konkurrenz durch mehr Gewerbefreiheit veränderten die ökonomischen Bedingungen radikal.

 

Arbeiter, Bauern und Handwerker waren den Entwicklungen weitgehend schutzlos ausgeliefert. Es kam zur Verarmung breiter Bevölkerungsschichten. Dass Wucherzinsen jeglichen Besitz aufzehrten, war an der Tagesordnung.

Die Genossenschaftsbewegung sah im Zusammenschluss von Arbeitern, Bauern, kleinen Unternehmer und Handwerkern neue Chancen. Es ging um soziale Absicherung, die Möglichkeit sich auf dem Markt zu behaupten und besonders auch um den Zugang zu Darlehen.

Allerdings gab es über die Interpretation des „Zusammens“ und die politische Umsetzung große Debatten: Raiffeisen setzte auf Selbsthilfe und finanzielle Unterstützung durch den Staat.

Schulze-Delitzsch, wie er bald genannt wurde, wollte eine Rechtsform für einen marktwirtschaftlichen Weg. Er setzte auf gemeinschaftliche Selbsthilfe und Selbstverantwortung als Modell einer für alle Schichten offenen Bürgergesellschaft. Zitat:


“Der Weg, auf den die Genossenschaften ihre Mitglieder hinweisen, ist der Weg des Emporkommens durch eigene Tüchtigkeit.” Er wusste,  kleine Unternehmer und Handwerker haben meist kein Geld auf der hohen Kante. Ihm ging es um Überbrückungskredite, Hypotheken und Sparverträge. Schon 1855 formulierte er eine Anleitung zum genossenschaftlichen Bankwesen für Anfänger in seiner Schrift “Vorschussvereine als Volksbanken”.

Auch der Ratgeber von Friedrich Wilhelm Raiffeisen, “Die Darlehnskassen-Vereine als Mittel zur Abhilfe der Noth der ländlichen Bevölkerung sowie auch der städtischen Handwerker und Arbeiter” fand rege Verbreitung. Raiffeisen ging darin auch ausführlich auf die Prinzipien der landwirtschaftlichen Genossenschaften ein. Zu seinen wichtigsten Ideen zählen die Zentralkassen für den Geldausgleich zwischen den Darlehnskassen und der Zusammenschluss zu Verbänden.

So manchem konservativen Geist war die Genossenschaftsbewegung ein Dorn im Auge. Bismarck misstraute besonders den Kreditvereinen: Sie seien die „Kriegskassen der Demokratie“. Jahrelang zog sich der Kampf hin. Ohne gesetzliche Grundlage war jede Gründung von der staatlichen Genehmigung abhängig.

Den Durchbruch brachte das von Schulze-Delitzsch verfasste Genossenschaftsgesetz. 1867 gab es endlich Rechtssicherheit.

Das preußische Genossenschaftsgesetz schaffte eine ganz neue Unternehmensform: die gewerblichen Vorschuss- und Kreditvereine. Erlassen wurde es übrigens am 17. März. Sie verstehen, am 17. März 1867. Also heute vor genau vor 150 Jahren.

Was für ein Datum! Sie haben sich einen hervorragenden Termin ausgesucht. Wir feiern heute die 125 jährige Geschichte der Vierländer Volksbank. Und wir feiern das an einem historischen Tag: Vor 150 Jahren wurden die Rechtsgrundlagen der Genossenschaften geschaffen. Ein großartiges Omen für eine großartige Bank!

Das Jahr 1867 war übrigens auch in einer ganz anderen Hinsicht bedeutsam. Am 8. August 1867 machte Hamburg einen ungewöhnlichen Schritt zur Modernisierung der Verwaltung in Bergedorf: Die Hamburger kauften Lübeck deren Anteil an der Stadt Bergedorf für 200.000 Taler preußisch Courant ab. Das nenne ich eine gute Investition.

Bis dato hatten sich Hamburg und Lübeck mit dem Regieren von Bergedorf abgewechselt. Das gelang 450 Jahre lang, und damit offenbar auch ganz gut. Aber die sogenannte „beiderstädtische“ Verwaltung erschwerte Modernisierungen: Infrastrukturprojekte wie etwa der Bau der Eisenbahnstrecke litten unter der Komplexität der nötigen Absprachen.

Mit zwei Herren waren die Vier- und Marschländer letztlich auf sich gestellt. Im ländlichen Gebiet sagte man damals gerne: Niemand kümmert sich, weder im Guten noch im Bösen. So manche Eigenheit aus der „beiderstädtischen“ Zeit scheint geblieben zu sein. Etwa die Fähigkeit, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Und sicher auch die Gelassenheit gegenüber dem wechselnden Weltenlauf: Die Vier- und Marschländer wissen, sie sind gut beraten, der eigenen Tradition zu vertrauen.

Für die wirtschaftliche Entwicklung der Region war die klare Zuordnung zu Hamburg ein wichtiger Impuls: Hamburg erließ eine einheitliche Landgemeindeordnung, es gab Unterstützung beim Deichschutz und, wie die Hamburger so sind, auch Verbesserungen im Schulwesen.

1889 wurde das Genossenschaftsrecht reformiert.  Nur wenige Jahre später, am 18. März 1892, legten auch die Kirchwerder los: 48 Bürger aus unterschiedlichsten Berufen gründeten eine Kredit-Genossenschaft: die „Kirchwerder Spar- und Leihcasse eGmbH“. Die Bürgerbank, die wir seit 1988 als Vierländer Volksbank kennen, setzte entscheidende Impulse für Wohlstand der Region. So manche Traditionsunternehmen verdanken ihre Gründung und ihren Bestand Darlehen aus der Vierländer Volksbank.

Die Volks- und Genossenschaftsbanken ermöglichten es den Landwirten und Kleinunternehmern, die enormen Veränderungen der Zeit der Industrialisierung zu meistern. Mit Krediten konnten sie technische Innovationen wagen, das Land mit modernen Mitteln bewirtschaften oder erste Schritte zur industriellen Fertigung aufgreifen.

„Der Geist der freien Genossenschaft ist der Geist der modernen Gesellschaft“. Das hat Hermann Schulze-Delitzsch einmal gesagt. Über hundert Jahre ist dieser Satz alt und doch keineswegs veraltet: Die Genossenschaft ist eine großartige Rechtsform und sie ist hoch aktuell. Sie bietet eine hervorragende Möglichkeit, um gesellschaftliche Anliegen zu verwirklichen, die die Ökonomie betreffen. Sie ist demokratisch, solidarisch und erwerbsmäßig orientiert – geradezu der Nukleus der Idee der sozialen Marktwirtschaft. Ich habe große Sympathie für den Genossenschaftsgedanken.

Es gibt allen Grund heute von einer Renaissance der Genossenschaftsidee zu sprechen. Wir erleben das im Großen wie im Kleinen. Wieder geht das einher mit Veränderungen der industriellen Produktion. Und wieder gibt es viele gesellschaftliche Anliegen, für die es enorm wichtig ist, eine Form zu haben, die sich in der Marktwirtschaft behaupten kann. Etwa in der ökologischen Landwirtschaft oder dem fairen Handel von Lebensmitteln. Auch im publizistischen Bereich hat das Modell Erfolg, wie wir das an der Berliner Tageszeitung (taz) sehen.

Und in ländlichen Gebieten schließen sich Bürger zu Gründung von Dorfläden zusammen, um die Versorgung da zu sichern, wo große Supermärkte nicht hinkommen.  Inzwischen gibt es auch genossenschaftliche Energieversorger.

Unverzichtbar sind Genossenschaften im Wohnungsbau: Das zeigen die traditionellen Arbeiterbauvereine, die modernen Wohnungsbaugenossenschaften und auch die vielen neuen privaten Initiativen.

Im vergangenen Jahr waren weltweit 1,3 Milliarden Menschen Mitglieder von genossenschaftlichen Organisationen, das entspricht etwa 13% der Weltbevölkerung. Davon 21 Millionen allein in Deutschland. Und Sie wissen ja auch: Die Genossenschaftsidee und -praxis sind der erste deutscher Beitrag in der UNESCO-Liste der immateriellen Kulturgüter.

Seit der Finanzkrise wächst das Interesse auch im Bankbereich: Genossenschaftlich organisierte Banken sind zuverlässig. Sie ziehen ihr Kapital nicht ab und sie zahlen Steuern – kurz gesagt: Sie machen keinen Mist. Die Volks- und Genossenschaftsbanken haben die schwierige Zeit sehr gut gemeistert, sie brauchten keine staatliche Hilfe und ihre Anleger haben kaum Verluste gemacht.  Einige, wie die Vierländer Volksbank, sind sogar gewachsen und haben erhebliche Erfolge am Markt erzielt.

Die Finanzkrise hat gezeigt, dass wir den Bankensektor stärker regeln müssen. Die Europäische Union ist bestrebt, Erleichterung für kleinere Banken einzuführen.  Dennoch werden die Veränderungen auch die Genossenschaftsbanken sowie die Volks- und Raiffeisenbanken betreffen. Der Hamburger Senat wird alles in seiner Macht stehende tun, dabei das Geschäftsmodell der Genossenschaftsbanken nicht zu benachteiligen. Wir werden uns auf Bundesebene dafür einsetzen, dass die anstehenden Rechtssetzungen die berechtigten Interessen von Sparkassen, Genossenschaftsbanken und mittelständischen privaten Banken berücksichtigen. Die anstehenden Regelungen dürfen nicht die Banken in Gefahr bringen, die die Krise nicht verantworten müssen und uns in der Krise sogar geholfen haben.

Genossenschaftsbanken müssen sich heute in einem schwierigen wirtschaftlichen Umfeld behaupten. Sie müssen ein passendes Verhältnis zwischen Risiko und Rentabilität, Profit und Stabilität finden. In den letzten zehn Jahren hat sich die Zahl der Genossenschaftsbanken fast halbiert und weitere Fusionen zeichnen sich ab. Die Vierländer Volksbank aber ist weiterhin eigenständig. Sie steht stark und sicher.

Das verdankt sie der Verwurzelung, der genossenschaftlichen Identität und den Traditionen. Wie die Bürgerinnen und Bürger, so auch ihre Bank.

Im komplexer werdenden Gefüge von Finanzdienstleistungen ist Vertrauen ein wichtiger Faktor. Vertrauen in Kompetenz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, und Vertrauen in die Politik der Bank. Es ist eine Freude zu sehen, wie viel auch in die Fortbildung der Mitarbeiterinnen Mitarbeiter investiert wird, die dieses Vertrauen durch ihre Arbeit rechtfertigen.  

Verwurzelung und Tradition sind für die Vierländer Volksbank zentral. Das zeigt die Geschichte der Bank. Das heute, in der durch Mobilität und täglichen Updates gekennzeichneten Arbeitswelt, weiterzutragen, ist eine enorme Leistung. Es ist ein Alleinstellungsmerkmal, das die Bank stark macht.

Die Vier- und Marschländer sind eng mit der Region verbunden. Heimat ist ein Wort, das für Verbundenheit steht, die Verbundenheit derer, die hier gerne leben und gerne arbeiten.  So ist die Vierländer Volksbank auch selbstverständlich dabei, wenn es gilt, kulturelle und sportliche Aktivitäten der Region zu fördern. Die Bank bringt sich ein, als Sponsor und als Partner. Sie ist der gute Geist für die Gemeinschaft in den Vier- und Marschlanden.

Die Region der Vier- und Marschlande ist ein ganz besonderes Stück Hamburg. Sie ist immer noch und immer wieder im wahrsten Sinne des Wortes eine blühende Landschaft.

Einen wichtigen Beitrag zur Stabilität dieser schönen Region leistet seit 125 Jahren die Vierländer Volksbank. Sie steht für Zuverlässigkeit und Stabilität. Für regionale Verwurzelung und genossenschaftliche Identität. Für die große Bedeutung von Traditionen. Für Werte, die bleiben.

Die Vierländer Volksbank ist eine ganz besondere Bank.
Sie ist bestens auf die kommenden Herausforderungen vorbereitet.

Ich wünsche Ihnen alles Gute!

Vielen Dank

 

Es gilt das gesprochene Wort.

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