Olaf Scholz
05.04.2017

Grußwort zur Eröffnung der Deutschen Woche in St. Petersburg

 

Sehr geehrter Herr Gouverneur,
sehr geehrter Herr Vorsitzender der Gesetzgebenden Versammlung Makarov,
sehr geehrte Frau Generalkonsulin,
sehr geehrte Frau Dr. Eder,
sehr geehrter Herr Dr. Altmann,
sehr geehrte Damen und Herren,

60 Jahre ist es nun her, dass Hamburg und St. Petersburg per Handschlag einen Freundschaftsvertrag geschlossen haben. Wir alle hätten dieses Jubiläum gerne unter friedlicheren Umständen gefeiert.

 

Liebe Bürgerinnen und Bürger von St. Petersburg, Ihre Partnerstadt an der Elbe steht in diesen Tagen an Ihrer Seite. Hamburg trauert mit den Opfern des Anschlags und ihren Angehörigen. Deshalb schauen wir nun umso mehr auf das, was uns seit 60 Jahren verbindet.

Wenn ich mir anschaue, wie unbeschwert Jugendliche aus unseren Städten heute aufeinander zugehen, wie selbstverständlich Wissenschaftler und Künstler zusammenarbeiten, wie interessiert Unternehmer und Unternehmerinnen sich austauschen, dann fällt es fast ein wenig schwer, sich vorzustellen, wie viel Überwindung es am Anfang gekostet haben muss, die Hand auszustrecken.

1957 lag die furchtbare Blockade Leningrads durch die deutsche Wehrmacht erst 13 Jahre zurück. Hunderttausende starben damals eines grausamen Todes. Das Misstrauen gegenüber den Deutschen schien verständlicherweise kaum überwindbar. Und trotzdem streckte der Stadtsowjet von Leningrad vor 60 Jahren die Hand aus, schrieb dem Hamburger Bürgermeister Kurt Sieveking einen Brief und lud ihn an die Newa ein.
 
Wir werden in Hamburg nie vergessen, mit welch unvergleichlichem Akt der Courage und des Großmuts die erste Städtepartnerschaft zwischen der Bundesrepublik Deutschland und einer Stadt der damaligen Sowjetunion ihren Anfang nahm.
 
St. Petersburg ist Hamburgs älteste  Städtepartnerschaft. Die Zusammenarbeit der vergangenen 60 Jahre spiegelt sich in einer Vielzahl an Verbindungen in  Wissenschaft, Bildung, Wirtschaft und Kultur. Dank unserer Partner in St. Petersburg können wir zum Beispiel in der Hamburger Ausstellung „EisZeiten“ fast 150, noch nie im Ausland gezeigte Exponate von großer historischer Bedeutung präsentieren. Ich freue mich auch sehr, dass wir jetzt ein interaktives Modell der Elbphilharmonie, unserem neuen Wahrzeichen, in den prachtvollen Sälen der Eremitage zeigen. Aber noch viel beeindruckender ist das Konzerthaus natürlich im Original, umspült vom Wasser der Elbe und in Nachbarschaft zu Containerschiffen und Kränen. Ich lade Sie alle herzlich ein, die Elbphilharmonie in Hamburg zu erleben!

Es ist gut, dass in 60 Jahren Städtepartnerschaft viele Kooperationen und tausende persönliche Kontakte zwischen den Bürgerinnen und Bürgern von Hamburg und St. Petersburg gewachsen sind. Die deutsch-russischen Beziehungen, die ja immer auch europäisch-russische Beziehungen sind,  stehen vor schwierigen Herausforderungen. Europas Vertrauen in die Unverbrüchlichkeit der Prinzipien der Charta von Paris ist erschüttert. Auch in anderen Bereichen haben wir nach wie vor  unterschiedliche Ansichten, beispielsweise beim Umgang mit Nicht-Regierungsorganisationen oder bei den Rechten von Minderheiten. Wir müssen daran arbeiten, diese Unterschiede zu überwinden.

Meine Damen und Herren,
heute Abend eröffnen wir die Deutsche Woche in St. Petersburg, die zeigt, wie viele  freundschaftliche Beziehungen es bei allen Unterschieden gibt. Es erwartet uns ein spannendes Programm, das Fragen der Digitalisierung und  Nachhaltigkeit nachgeht, Wissenschaft und Wirtschaft zusammenführt und herausragende Künstler präsentiert. Zum Beispiel tritt das Bundesjugendballett auf, das von dem Hamburger Ballettdirektor und Ehrenbürger John Neumeier geleitet wird. Und eine Retrospektive zeigt die großartigen Filme des deutsch-türkischen  Regisseurs Fatih Akin, der auch den Jugendroman „Tschick“ verfilmt hat.

„Tschick“ erzählt von zwei Jungs, einer von ihnen ein russischer Spätaussiedler, die ein Auto klauen und „on the road“ das Abenteuer suchen. Die Erkenntnis, die die Jungs dabei gewinnen, hat mich sehr  berührt. Der junge Maik fasst sie so zusammen:

„Die Welt ist schlecht, und der Mensch ist auch schlecht. Trau keinem, geh nicht mit Fremden und so weiter. Das hatten mir meine Eltern erzählt, das hatten mir meine Lehrer erzählt, und das Fernsehen erzählte es auch. (…) Aber das Seltsame war, dass Tschick und ich auf unserer Reise fast ausschließlich dem einen Prozent begegneten, das nicht schlecht war. Da klingelt man nachts um vier irgendwen aus dem Bett, … und er ist superfreundlich und bietet auch noch seine Hilfe an. Auf so was sollte man in der Schule vielleicht auch mal hinweisen.“


Meine Damen und Herren,
die Deutsche Woche wird getragen von dieser Zuversicht. Sie lädt ein, einander kennenzulernen und die Tore und Fenster offenzuhalten.

Wir danken ganz herzlich den Partnern in der Verwaltung von St. Petersburg, dem deutschen Generalkonsulat und allen anderen, die dieses großartige Programm in St. Petersburg auf die Beine gestellt haben. Wir freuen uns sehr, dass Hamburg im 60. Jahr unserer Städtepartnerschaft Partnerbundesland der Deutschen Woche sein darf.

Vielen Dank

 

Es gilt das gesprochene Wort.

zurück zur Liste

JETZT IM BUCHHANDEL

OLAF SCHOLZ

HOFFNUNGSLAND
Eine neue deutsche Wirklichkeit