Olaf Scholz
15.05.2017

Grußwort: Jahrestagung Deutsche Unesco Welterbestätten

 

Sehr geehrter Herr Otremba,
sehr geehrte Frau Prof. Metze-Mangold,
sehr geehrte Frau Schwarz,
sehr geehrte Damen und Herren,

Romanische Baukunst in Speyer und Trier, ein Relikt der Karolinger Zeit in Lorsch; das erste gewölbte Gebäude nördlich der Alpen – berühmt nicht deshalb, sondern weil dort, im Dom zu Aachen, über einen Zeitraum von 600 Jahren hinweg 30 deutsche Könige gekrönt wurden. Dann die barocken Residenzschlösser in Würzburg oder Brühl, gestaltet von herausragenden Künstlern und Handwerkern aus halb Europa. Und, im Reformationsjahr besonders präsent, die Luther-Städte Eisleben und Wittenberg.

Zeitlich näher dran sind das Industriedenkmal in Alfeld, die Zechen in Essen und Goslar – das Bergwerk Rammelsberg war ohne Unterbrechung tausend Jahre lang in Betrieb. Und nicht zu vergessen das architektonische Werk von Le Corbusier – 2016 wurden 17 seiner Bauten in sieben Staaten ins Welterbe aufgenommen.

In all diesen Welterbestätten kann man Geschichte in kondensierter Form erleben: Baugeschichte, Kunstgeschichte, Philosophiegeschichte, Wirtschaftsgeschichte. Von uns aus betrachtet steht das Welterbe für Vergangenheit. Aus der Perspektive derjenigen, die die heutigen Denkmäler schufen, waren sie eine Wette auf die Zukunft, ästhetisch oder technisch neuartig und gedanklich der Zeit voraus.

Welterbestätten stehen für einstmals gewagte Ideen, die über Länder-, Kultur- und Zeitgrenzen hinweg prägend waren und sind – wie das Modell der europäischen Stadt, der soziale Wohnungsbau, die Philosophie der Aufklärung, die sich auch in der Landschaftsgestaltung niederschlug.

Das Welterbe ist eine wichtige Orientierungsmarke. Denn was uns als unbedingt bewahrenswert gilt, sagt viel darüber aus, wie wir uns und unsere Gegenwart sehen und wo wir morgen stehen wollen.

Wie eng die Verbindung von Vergangenem und Gegenwart sein kann, lässt sich gut in Hamburg studieren. Unsere Speicherstadt ist der größte,  einheitlich gestaltete historische  Lagerhauskomplex der Welt. Aber sie ist auch ein sehr lebendiges Viertel, das das größte europäische Stadtentwicklungsprojekt der Gegenwart mit der alten Innenstadt von Hamburg verbindet. An unserem Welterbe Speicherstadt und Kontorhausviertel mit Chilehaus lässt sich die Geschichte der Industrialisierung, der Globalisierung und der Citybildung studieren; in der benachbarten Hafencity werden zukünftige Modelle für Mobilität, Wohnen und Arbeiten in der großen Stadt erprobt. Und in dem alten wie im neuen Stadtteil am Hafen tummeln sich Geschäftsleute und Kreative, Wissenschaftler und Stadtplaner, Hamburger und Touristen aus aller Welt.

Visionen, Werte, Reformen – dieses Motto der Welterbe-Tagung 2017 lässt sich an der Hafencity wie an Speicherstadt und Kontorhausviertel durchbuchstabieren. Beide stehen auf ihre Weise für Weltoffenheit, Toleranz und kulturelle Vielfalt.  Eine solche Tradition verpflichtet – unter anderem zu einem pfleglichen und relevanten Umgang mit dem UNESCO Welterbe.

Die gute Nachbarschaft von historischen Speichern und Gegenwartsarchitektur ist ein Hamburger Markenzeichen geworden, das Reisende von überall her anzieht. Hamburg – „A haven for architecture and design“, wie die New York Times schrieb, als sie unsere Stadt für 2017 auf Platz zehn von weltweit 52 der „Places to go“ setzte. Die Elbphilharmonie hat an dieser besonderen Empfehlung sicher ihren Anteil – aber letztlich ist es doch erst das Zusammenspiel des spektakulären Konzerthauses mit Hafencity und Speicherstadt, das ein Verständnis von Gegenwart und Geschichte ermöglicht.

Zu dieser Geschichte gehört auch der „Jüdische Friedhof Hamburg-Altona“, für den wir ebenfalls einen Antrag zur Aufnahme in die UNESCO Welterbe-Liste gestellt haben. Wir setzen uns in Hamburg intensiv mit der nationalsozialistischen Vergangenheit der Stadt  auseinander. Deshalb möchte ich Ihnen – auch wenn es kein Welterbe ist – einen Besuch des Lohseparks in der Hafencity mit der kürzlich eingeweihten Gedenkstätte Hannoverscher Bahnhof ans Herz legen. Beide sind von hier aus gut zu Fuß erreichbar. Vom Hannoverschen Bahnhof aus wurden – was in Hamburg lange wenig Aufmerksamkeit erfuhr – mehr als 8.000 Juden, Sinti und Roma in Konzentrationslager deportiert.

Es ist ein großes Glück für eine Stadt, wenn sie ein UNESCO Welterbe hat und dieses nicht abseits liegt, sondern dort, wo das tägliche Leben pulsiert, so dass die historischen Orte ein  selbstverständlicher Teil des Alltags sind. In den alten Speichern sind heute Gewerbe und Handel untergekommen; Cafés, Agenturen, kleinere Theater oder Museen haben sich niedergelassen. Der vielversprechende Kreativspeicher M28, der in diesem Jahr dort eröffnet, wird die Speicherstadt zu einem zentralen Ort für die Kreativbranche machen. In der angrenzenden Hafencity treten in der Elbphilharmonie, beim Elbjazz-Festival oder beim Festival „Theater der Welt“ die weltbesten Künstler auf.

 

Und noch etwas kommt hinzu: Hamburg ist eng eingebunden in eine Metropolregion von fünf Millionen Einwohnern. Deshalb haben wir Lübeck, Wismar, Stralsund und das Welterbe Wattenmeer ebenfalls im Blick – und das haben unsere Besucher auch.
Dass das Hamburger UNESCO Welterbe so viel Interesse findet, liegt vermutlich auch daran, dass die Besucher spüren: Die Umbrüche der Technik, des Welthandels und der Arbeit, die damals zum Bau innovativer Bürogebäude und einer hochmodernen Speicherstadt führten, sind uns  nicht fremd. Auch heute befindet sich die Welt im Wandel und die Veränderungen im Zuge der Digitalisierung und Globalisierung sind für den einzelnen nicht weniger gravierend. Dieses Welterbe hat etwas mit mir zu tun! An dieser Erkenntnis kommt man in Hamburg nur schwer vorbei.  

Sehr geehrte Damen und Herren,
jedes Jahr kommen mehr Touristen nach Hamburg und lernen über das Welterbe die Geschichte Hamburgs und seine Rolle in Europa kennen. Besonders hohe Zuwächse gibt es bei Reisen aus China, wo das Label Welterbe bekanntlich ein wichtiges Kriterium der Reiseplanung ist. Mit dem geplanten Welterbe-Informationszentrum wird innerhalb der nächsten zwei Jahre ein Angebot hinzukommen, welches den Besucherinnen und Besuchern das Verständnis der historischen Bauwerke weiter erleichtern und die Zusammenhänge noch besser erschließen wird.

Ich freue mich sehr, dass die deutsche UNESCO-Kommission und der deutsche UNESCO Welterbestätten-Verein sich für Hamburg als Ort des Jahrestreffens 2017 entschieden haben. Wenn Denkmalschützer und Tourismusexperten sich austauschen, ist das für beide Seiten befruchtend. Und so bleibt mir nur, Ihnen zwei inspirierende Tage zu wünschen und dass Sie nebenher noch etwas Zeit finden, sich ein wenig durch die Stadt treiben zu lassen.

Meine Damen und Herren,
willkommen im Ehemaligen Hauptzollamt in der Speicherstadt! Willkommen in Hamburg!

Vielen Dank

 

Es gilt das gesprochene Wort.

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