Olaf Scholz
15.05.2017

Grußwort zum Senatsempfang "25 Jahre Deutsche Wildtier Stiftung"

 

Sehr geehrte Frau Rethwisch,
sehr geehrter Herr Professor Vahrenholt,
sehr geehrte Vertreter der Hamburgischen Bürgerschaft,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

bevor wir zu den unbekannten Tieren kommen, müssen wir über unsere Nachbarn reden.


Die Nachbarn, die ich meine, kennen alle. Sie führen lange wenn auch recht einsilbige Gespräche. Sie leben bevorzugt in Wohngemeinschaften, nehmen gern gemeinsam ihre Mahlzeiten ein und gehen zusammen baden, gern auch mal im Sand. Fremde Kinder adoptieren sie, falls die Eltern verunglücken und im Winter ziehen sie sich warm an, um nicht zu frieren. Echte Hamburger eben, im Federkleid: Ihr Wintermantel umfasst  3.615, ihr Sommerkleid 3.197 Federn.

Die Rede ist vom Spatz, genauer vom Haussperling. Sein Tschilpen erklingt immer seltener, nicht nur in Hamburg. Einst einer unserer häufigsten Stadtvögel, steht der Spatz heute in Deutschland auf der Vorwarnliste der bedrohten Arten. Nachzulesen ist das auf den Internetseiten der Deutschen Wildtier Stiftung. Ihr Ziel seit 25 Jahren: Unserer Natur und ihren heimischen Wildtieren eine Stimme zu geben, sie zu hegen und zu schützen, der Haselmaus dem Luchs, dem Feldhamster oder Schreiadler, der Erdhummel und dem Spatz.

Es sind keine spektakulären Arten, wie Berggorilla, Indischer Tiger oder Waldelefant, aber sie alle gehören zu der langen Liste von Tieren, die es zunehmend schwer haben, bei uns zu überleben.

Ihr stilles Verschwinden fiel dem Hamburger Unternehmer und passioniertem Jäger Haymo G. Rethwisch bei seinen Streifzügen durch die Natur auf. Rethwisch war ein Mann der Tat. Seine Kindheit hatte er auf einem Bauernhof in Mecklenburg-Vorpommern verbracht, die Natur und alles, was in ihr lebt, hat ihn immer fasziniert. Er beschloss, die Sache in die Hand zu nehmen und gründete 1992 eine Stiftung zum Schutz der heimischen Wildtiere.

Mit diesem Senatsempfang wollen wir das Engagement des 2014 verstorbenen großen Hamburger Naturschützers ehren und das engagierte Team, das kenntnisreich geleitet vom ehemaligen Hamburger Umweltsenator Professor Fritz Vahrenholt, sein Werk weiterführt. Und wir wollen das 25-jährige Bestehen der Stiftung feiern.

Sie heute hier im großen Festsaal des Rathauses zu begrüßen ist mir deshalb eine große Freude. Wir sind stolz darauf, dass diese nach eigenen Worten kapitalstärkste private Naturschutzstiftung in der Freien und Hansestadt Hamburg ihren Sitz hat.

Hamburg ist eine Metropole mit knapp 1,86 Millionen Einwohnern. Man könnte sich fragen: Was hat eine Großstadt mit Wildtieren zu tun? Dazu noch mit seltenen, vom Aussterben bedrohten.

Mehr als man annehmen möchte.
Stadt und Natur, in der Freien und Hansestadt Hamburg denken wir das zusammen. Hamburg hat 33 Naturschutzgebiete. 9,06 Prozent der Landesfläche stehen unter Naturschutz. Das ist mehr als in jedem anderen Bundesland.

Auf neue Wohn- und Gewerbegebiete, die auf bisherigen Grün- und sonstigen Freiflächen ausgewiesen werden, erheben wir einen Naturcent, quasi einen ökologischen Finanzausgleich. Dies ist eine bundesweit einmalige Regelung. Das Geld – im ersten Jahr sind es drei Millionen – fließt in Naturschutz und Landschaftspflege.

Immer mehr Wildtiere zieht es in die Städte,  in europäischen Metropolen sind mehr 10.000 unterschiedliche Arten gezählt worden. Die Stadt lockt Füchse, Mauersegler, Uhus, Wanderfalken und auch die, die nicht so beliebt sind: etwa die Waschbären oder Wildschweine. Darunter sind auch bedrohte Arten.

Seit dem Spätsommer vergangenen Jahres wissen wir, dass auf dem Flughafen Hamburg „Andrena nigriceps“ lebt. Die Hamburger Sandbiene, ist sehr selten, kaum jemand kennt sie, sie hat nicht einmal einen deutschen Namen. Seit 1938 galt sie als verschwunden, nun wurde sie wiederentdeckt: Ein kleiner Flieger zwischen all den großen Fliegern, von dem wir nur dank der Deutschen Wildtier Stiftung wissen.

Die Entdeckung war kein Zufall. Wer mit offenen Augen durch die Stadt geht, dem werden im vergangenen Jahr die vielen bunten Blumen auf ehemaligen Rasenflächen aufgefallen sein – auf dem Ohlsdorfer Friedhof, auf dem Flughafen Hamburg, am Rand von Straßen, auf Golfplätzen, in Kleingärten. Wir haben sie der Deutschen Wildtier Stiftung zu verdanken. Sie hat in unserer Stadt gemeinsam mit der Hamburger Behörde für Umwelt und Energie und vielen Partnern vom Flughafen Hamburg, über den Ohlsdorfer Friedhof, den Bauernverband und Landesbund der Gartenfreunde auf vielen tausend Quadratmetern ein für eine Großstadt einzigartiges Netz von Wildbienen-Lebensräumen geschaffen.

Die Wildtier Stiftung hat Wildblumen ausgesät und Nistplätze für den Bienennachwuchs angelegt – von Steinhaufen bis zu sachkundig gelöchertem abgestorbenen Baumstämmen. Und weil Wissenschaftler erfassen, welche Wildbienen dort unterwegs sind, wissen wir nicht nur von „Andrena nigriceps“, sondern auch, dass in Hamburg 196 Wildbienenarten leben, zu denen übrigens auch die Hummeln gehören. Das ist immerhin ein Drittel der in Deutschland lebenden Arten. Nicht schlecht für eine Großstadt, würde ich sagen.

Wie wichtig Wildbienen sind, das wissen unsere Obst- und Gemüsebauern in den Vier- und Marschlanden und im Alten Land besser als alle anderen, denn sie brauchen sie für die Bestäubung. Die Landwirte wissen: Ohne Bienen kein Obst und kein Gemüse. Nur dank der Bienen und anderer Insekten können wir heute Abend Wein servieren und Säfte.

„Wenn es keine Insekten mehr gibt, bezweifle ich, dass wir Menschen länger als ein paar Monate überleben würden", prophezeit der große amerikanische Insektenforscher Edward Wilson schon vor vielen Jahren. Sie sind für Hamburg also sehr wichtig und wir sind der Deutschen Wildtier Stiftung dankbar dafür, dass sie sich so engagiert für ihren Schutz einsetzt.

Wie das Beispiel Wildbienen zeigt, geht es der Stiftung nicht um spektakuläre Aktionen, sondern vorrangig um ein Ziel: Das Engagement muss der bedrohten Art nützen, egal wie bekannt oder unbekannt sie ist.

Haymo Rethwisch hatte verstanden, dass dies oftmals nur in Zusammenhang mit angepasster Landnutzung möglich ist. Deshalb erwarb er Flächen für die wildtierfreundliche Bewirtschaftung, die durch Spenden immer weiter vergrößert werden. Auf einem Teil der Weiden dürfen Hirsche grasen, in den Wäldern bleiben alte Bäume stehen, in die Spechte ihre Nisthöhlen geschlagen haben, trockengelegte Tümpel und Teiche werden wiederhergestellt und zu neuen Lebensräumen für Vögel und Amphibien.

Meine Damen und Herren,
man kann nur vermissen, was man kennt und wird nur schützen, was man achten und lieben gelernt hat. Doch Stadtmenschen, vor allem Stadtkinder, wissen heute oft nur wenig über Tiere und Pflanzen und die wenigsten können so auf einem Bauernhof oder in der Natur herumstreifen, wie der Stifter in seiner Kindheit.

Kindern die Freude an Natur und an ihrer Vielfalt zu vermitteln, ist deshalb ein wesentliches Ziel der Stiftung. Das fängt schon im Kindergarten an. In Natur-Lernwerkstätten und Schule im Wald haben Stadtkinder die Möglichkeit, mit allen Sinnen die Natur zu erleben. Und im Schullandheim Haus Wildtierland in der Uckermark lernen sie Fährtenlesen und werden Junior-Wildschützer.

Das Schullandheim liegt ganz in der Nähe vom Wildtierland Klepelshagen, wo auf 2500 Hektar Wald und landwirtschaftlicher Fläche nicht nur nach dem Bioland-Prinzip geackert und geerntet wird, sondern Wildtiere ein Zuhause finden – Hirsche ebenso wie die vom Aussterben bedrohten Unken und – wiederum auch hier – Wildbienen.

Und weil der Weg in die Natur oft weit ist, manchmal zu weit, hat die Deutsche Wildtier Stiftung zusammen mit dem Förderverein Nationalpark Boddenlandschaft die Deutsche NaturfilmStiftung gegründet. Die sorgt dafür, dass die Natur direkt ins Wohnzimmer kommt oder zu uns ins Rathaus – mit einem Film. Sie sehen, die Stiftung denkt wirklich an alles.

Der Stifter Haymo G. Rethwisch hat es einmal so formuliert: „Die Natur ist das unersetzliche Fundament des Lebens. ... Das Schicksal der Natur ist nicht von dem unsrigen zu trennen, und deswegen sollten wir das, was sie ausmacht – und das fängt vor unserer Haustür an – achten, schützen und lieben.“

Dazu gehört auch ein 200 Kilo schwerer Vegetarier, der im Sommer als Softie in Männer-WGs lebt, im Herbst jedoch zum Super-Macho mutiert: Wer das ist, wissen Sie hier natürlich alle. Der Hirsch. Die Hirsche kann man ganz wunderbar im Wildtierland Klepelshagen beobachten. Am besten im Herbst, denn das ist die Zeit, in der die Hirschbullen beindruckend um die Wette röhren. Ein ganz besonderes Erlebnis ist das.   
Diese und viele andere Geschichten aus der großen und aufregenden Welt der Tiere verdanken wir der Deutschen Wildtier Stiftung.

Ich bin froh, dass es diese Stiftung gibt und dass sie hier in Hamburg zuhause ist.

Ich wünsche Ihnen aus ganzem Herzen: Alles Gute zum 25jährigen Bestehen!

Vielen Dank.

 

Es gilt das gesprochene Wort.

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