Olaf Scholz
16.06.2017

Grußwort: Senatsfrühstück zum 80. Geburtstag von Hans-Ulrich Klose

 

Sehr geehrter Herr Dr. Klose,
sehr geehrte Dr. Frau Steinbeck-Klose,
sehr geehrter Herr Ehrenbürger Dr. Otto,  
sehr geehrte Damen und Herren,

der Sockel besteht aus Granitquadern. Apsis und Chorraum sind aus Tuffstein, das Mauerwerk aus Backstein und das Material soll von unsichtbarer Hand dort abgelegt worden sein – so geht die Überlieferung. Die Bauleute hatten ursprünglich einen anderen Ort ausgewählt, der heute im Watt liegt. Sie ahnen worauf ich anspiele: die Kirche in Morsum auf Sylt, wo Hans-Ulrich Klose einst davon träumte Pastor zu sein.

Bestimmt wärest du, lieber Hans-Ulrich, ein hervorragender und beliebter Pastor geworden, einer, der hinreißend predigt und Gedichte schreibt, der an windigen Winterabenden in seinem wieder hergerichteten historischen Friesenhaus zum Klavierkonzert lädt und dort Vernissagen mit eigenen Werken veranstaltet.
Das Leben hat anders entschieden, Hans-Ulrich Klose hat sich anders entschieden und so wurde er ein international anerkannter Politiker, der es auf bewundernswerte Weise schaffte, auch seine „außerpolitischen“ kreativen Interessen weiter zu verfolgen: Gedichte schreiben, Klavier spielen, malen, mal gar nichts machen oder etwas Verrücktes, wie du es genannt hast, zum Beispiel mit deiner Frau Anne bei einer Fahrt in ihrem Mini-Cooper den Hochzeitstag zu feiern.

Hans-Ulrich Klose ist es sogar gelungen, dem SPD-Parteivorsitzenden Hans-Jochen Vogel, der kein Wochenende und keinen Feierabend kannte, die Stirn zu bieten. Als Fraktionsvorsitzender im Bundestag hat er Kinderwochenenden durchgesetzt. Hans-Jochen Vogel hat sich irgendwann diese Wochenenden in seinen Terminkalender eingetragen. Wer den ehemaligen SPD-Chef kennt, weiß, welche Hartnäckigkeit und Nervenstärke das erfordert haben muss. Wenn SPD und Gewerkschaften heute das Recht auf Nicht-Erreichbarkeit diskutieren, zeigt das, wie weit Hans-Ulrich Klose seiner Zeit voraus war.


Hans-Ulrich Klose fand immer, dass Deutschland angesichts seiner Geschichte mehr Liberalität brauche. Und er war immer auch von der  SPD angezogen. In der SPD gehören Bürgerrechte und Liberalität zur Tradition, sie ist eine soziale und demokratische Partei. So war Hans-Ulrich Kloses Einstieg in die SPD eigentlich selbstverständlich. Zumal die Politik auch in der Familie dazu gehörte und sein Vater ein SPD-Parteibuch hatte.

Aber wer 1964 in die Welt der Sozialdemokratie aufgenommen werden wollte, musste sich den Eintritt erarbeiten. Das galt auch für den jungen erfolgreichen Jurist Hans-Ulrich Klose. Die Genossen drückten ihm Programm und Satzung in die Hand, mit der Bitte, alles genau zu studieren und danach wiederzukommen. Papierstapel haben Hans-Ulrich noch nie abgeschreckt. So ist er wiedergekommen, mit dem Programm und vielen Ideen im Kopf, zum großen Glück für die SPD und die Freie und Hansestadt Hamburg.

Schon zehn Jahre später wurde er Erster Bürgermeister und mit 37 Jahren der jüngste Regierungschef eines Bundeslandes überhaupt.  

Wer heute den Namen Hans-Ulrich Klose hört, denkt auch immer an den Außenpolitiker und Amerikafreund. Die Obamas hast du persönlich kennengelernt. Du warst von 2010 bis 2011 Koordinator der Bundesregierung für die deutsch-amerikanische Zusammenarbeit. Als Amerika-Koordinator war Hans-Ulrich Klose das Gesicht der Bundesregierung für die USA und das, anders als seine Vorgänger, zusätzlich zu seinem Bundestagsmandat. Für diese Funktion vorgeschlagen wurde er übrigens von dem damaligen Außenminister Guido Westerwelle – ein Ausdruck deiner über die Parteigrenzen hinweg anerkannten Kompetenz.

Die USA sind Hans-Ulrichs gefühlte zweite Heimat. Wohl hundertmal ist er dort gewesen privat und beruflich, das erste Mal 1955 mit 17 Jahren als Austauschschüler in Clinton, Iowa, im Mittleren Westen. Dort, weit weg von Metropolen wie New York oder San Francisco, hat er gelernt, sein eigenes Land mit den Augen der anderen zu betrachten. Er nennt diese Fähigkeit die Grundlage von Außenpolitik.

In einem Vortrag im Hamburger Übersee-Club hat Hans-Ulrich Klose seine außenpolitischen Leitlinien definiert. Sie lauten, ich zitiere: „Interessen zu definieren, zu vertreten, zu verstehen, zu respektieren, auszugleichen ist nicht unmoralisch, sondern legitim und normal.“ Die Warnung folgte auf dem Fuße. „Es kann aber – und das ist die andere Seite der Medaille – durchaus unmoralisch sein, sich ausschließlich an Interessen zu orientieren und moralische Aspekte gänzlich auszublenden, wie das in der Geschichte immer wieder geschehen ist und auch heute geschieht.“ Das war 2001 und diese Sätze sind so aktuell wie damals.

Das Aushandeln von guten Lösungen und von Kompromissen gehört zum Kern der Demokratie. Das kann man gerade in Zeiten, in denen ein autoritärer Nationalismus Zulauf bekommt, gar nicht oft genug betonen. Wenn junge Politiker Sätze sagen wie „Wenn wir an der Macht sind, dann...“ korrigiert Hans-Ulrich Klose stets: „Wenn wir an der Regierung sind. Machtergreifungen haben wir zum Glück hinter uns gelassen.“


Für den Westen und seine politischen Werte, davon ist Hans-Ulrich Klose überzeugt, ist die transatlantische Verbindung wichtig. Für Hans-Ulrich umfasst das nicht nur die politische Verbundenheit auf Regierungsebene. Er arbeitete auch immer daran, die gesellschaftlichen Bindungen zwischen den USA und Deutschland zu stärken. Eine umfassende und enge Partnerschaft ist aus seiner Sicht existenziell. Gerade in Zeiten, in denen Grundprinzipien der transatlantischen Partnerschaft infrage gestellt werden oder viele mit Amerika hadern, gilt es, die Verbindung zwischen Amerikanern und Deutschen zu pflegen, auf beiden Seiten des Atlantiks.

Hans-Ulrich Klose hat im Deutschen Bundestag außerordentlich hohe Anerkennung genossen. Zu seinem 70. Geburtstag, der auf einen Donnerstag fiel,  ehrte der Auswärtige Ausschuss ihn auf außergewöhnliche Weise. In einer Sondersitzung wurde ein gemeinsamer Entschließungsantrag beraten, der Ausschuss empfahl parteiübergreifend die Zustimmung, bezeichnete die Alternativen mit "Natürlich keine" und bezifferte die Kosten als "unbezahlbar".

Die (fiktive) Bundestagsdrucksache trägt die Nummer 16/140637, nach dem Geburtsdatum von Hans-Ulrich Klose, am 14. Juni 1937. Heute haben wir den 16. Juni. Ich freue mich, dass wir mit dem Senatsfrühstück heute, die gemeinsame Geburtstagsfeier zu Deinem 80ten fast punktgenau hingekriegt haben.

Bei deinem Abschied aus dem Bundestag 2013 hast du gesagt: „Jetzt bin ich alt und frei“. Das erste glaube ich immer noch nicht. Das zweite wünsche ich dir und deiner Frau Anne von Herzen.
Ich wünsche Dir zudem, die Freiheit weiterhin „auf Risiko“ zu leben, wie du es in einem Gedicht formuliert haben, die Freiheit vielleicht einmal wieder mit dem Auto die USA zu erkunden, oder die Sehnsucht nach der Küste auszuleben.
 
An der Küste wolltest du immer ein altes Haus finden und in Ordnung bringen. Norddeutschland wird dich gerne aufnehmen, auch wenn ich glaube, dass es in Berlin auch eine ganze Menge zu tun gibt. Vor allem in den Bereichen, in denen Du sehr viel Erfahrung hast.

Wo immer Du auch hingehst, Hamburg bleibt mit dir verbunden. Du bist einer, der mit seinem ganzen Leben zeigt, was ein hervorragender Politiker ist. Und du bist auch ein unabhängiger Geist und ein großartiger Mensch.

Im Namen der Freien und Hansestadt Hamburg und von ganzem Herzen wünsche ich Dir alles Gute zum Geburtstag.

Vielen Dank

 

Es gilt das gesprochene Wort.

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