Olaf Scholz
10.07.2017

Interview mit "Bild"

"Bild": Viele Hamburger schämen sich für die Bilder der Gewalt, die aus unserer Stadt rund um den Globus gingen. Schämen Sie sich auch?

Olaf Scholz: Ja.


"Bild": Wenn Bürger in rechtsfreien Räumen nicht mehr geschützt werden können, ist das Staatsversagen. Dafür tragen Sie die Verantwortung. Treten Sie zurück, Herr Bürgermeister?

Olaf Scholz: Den Gefallen werde ich den gewalttätigen Extremisten nicht tun. Auch wenn die Sicherheitskräfte die Ordnung am Ende wiederherstellen konnten, muss es unser Ziel sein, dass diese Ordnung gar nicht erst verloren geht. Verantwortung zu übernehmen bedeutet für mich, jetzt mit aller Macht daran zu arbeiten, dass unser Staat diese Herausforderung besteht. Ich verstehe jeden, der nach diesen Ereignissen besorgt ist. Und ich werde alles dafür tun, dass die Bürger sich sicher fühlen. Darauf haben sie ein Recht!


"Bild": Bereuen Sie, den G20-Gipfel geholt zu haben?

Olaf Scholz: Ich verstehe gut, dass sich viele Hamburger diese Frage stellen. Aber: Die Staats- und Regierungschef der wichtigsten Staaten müssen sich persönlich treffen können, davon bin ich fest überzeugt. Wir brauchen mehr Dialog in der Welt. Ein G20-Gipfel erfordert eine Infrastruktur, die nur eine große Stadt mit ausreichend Hotel- und Tagungskapazitäten bieten kann. In Deutschland können das nur wenige Städte, Hamburg gehört dazu. Deshalb habe ich zugesagt, als Bundeskanzlerin Angela Merkel mich damals gefragt hat. Wenn Hamburg es nicht kann, schafft das keine Stadt in Westeuropa.

 

"Bild": Halten Sie Ihren Satz, dass viele Hamburger hinterher gar nicht bemerkt haben würden, dass es einen Gipfel gegeben habe, aufrecht?

Olaf Scholz: Es ist offensichtlich, dass es kaum jemanden in der Stadt geben wird, der diesen G20-Gipfel nicht bemerkt hat. Dafür haben leider nicht die Gipfelergebnisse gesorgt, sondern die Gewalttäter, die in unserer Stadt gewütet haben. Meine Hoffnung, dass es einigermaßen friedlich bleibt, hat sich nicht erfüllt, insofern habe ich mit dieser Prognose daneben gelegen.


"Bild": Es drängt sich der Eindruck auf, dass man für den Schutz von Staatsgästen die Sicherheit der Bürger geopfert hat ...

Olaf Scholz: Der Vorwurf ist absurd. Die Polizei war in der ganzen Stadt im Einsatz. Gewalttäter mit unglaublicher krimineller Energie haben die öffentliche Sicherheit bedroht.


"Bild": Halten Sie es für angemessen, in der Elphi Beethoven zu lauschen, während draußen die Gewalt explodiert?

Olaf Scholz: Messe und Elbphilharmonie sind die Austragungsorte des Gipfels gewesen. Es kann und darf nicht sein, dass eine gewaltbereite Minderheit bestimmt, was die Staats- und Regierungschefs machen. Ich selbst war während des ganzen Tages überall stets eingebunden und auch nachts im Polizeipräsidium.

 

"Bild": Sie haben ausdrücklich für die Sicherheit beim Gipfel garantiert. Dieses Versprechen haben Sie nicht gehalten ...

Olaf Scholz: Das habe ich nicht einfach so dahingesagt. Die Polizei hat alle Anstrengungen unternommen, um die Gipfeltage sicher zu gestalten. Umso bedrückender ist es, dass das in einigen Stadtvierteln offensichtlich dennoch nicht gelungen ist.


"Bild": Schließen Sie morgen die Rote Flora?

Olaf Scholz: Wenn wir die Ereignisse um den G20-Gipfel aufarbeiten, stellt sich auch die Frage nach deren Zukunft.

 

Das Interview erschien am 10. Juli 2017 in "Bild".

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