Olaf Scholz
11.07.2017

Rede: Senatsempfang zum Abschied von Oberbaudirektor Jörn Walter

 

Sehr geehrter Herr Professor Walter,
sehr geehrter Herr Professor Wehberg,
sehr geehrter Herr Professor Sauerbruch,
sehr geehrte Frau Präsidentin der Hamburgischen Bürgerschaft,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

die Baukultur, so las ich neulich, müsse der Stadt und ihren Bewohnern dienen und dafür brauche sie eine kreative Unruhe. Eine „kreative Unruhe“, das ist auch ein Charaktermerkmal, das denjenigen auszeichnet, der diesen Gedanken formuliert hat. Wir sehen seine kreative Unruhe wenn er spricht, wenn er wortgewaltig argumentiert und andere begeistert: Ich meine Jörn Walter.

Achtzehn Jahre, von 1999 bis 2017, war Jörn Walter Hamburger Oberbaudirektor, oder, wie es in der Behördenpraxis heißt, der OD.

OD Walter ist der Neunte: Obwohl Hamburg auf mehr als tausend Jahre Stadtgeschichte zurückblickt und wir gerade das 828-jährige Jubiläum des Hafens gefeiert haben, gab es erst neun leitende Baudirektoren. Nach den ersten Baudirektoren Carl Ludwig Wimmel und  Carl Johann Christian Zimmermann folgten sieben, die den Titel des  Hamburger Oberbaudirektors bekamen: Fritz Schumacher, Otto-Meyer Ottens, Werner Hebebrand, Otto Sill, Klaus Müller-Ibold, Egbert Kossak und Jörn Walter.

Das historisch junge Amt zeigt das gewachsene Selbstbewusstsein der Bürger und deren umfassende Anforderung an die Stadt: Dazu gehören der Wunsch nach Ästhetik und Funktionalität, nach internationaler Wahrnehmung und sozialer Balance ebenso wie der nach Privatheit und attraktiven öffentlichen Räumen. Das Amt des Oberbaudirektors spiegelt die Hoffnungen und Erwartungen der Bürgerinnen und Bürger an die Zukunft der Stadt. Hamburger Oberbaudirektor zu sein, das ist schon etwas ganz Besonderes.

Jörn Walters Amtszeit begann gleich mit einer großen Aufgabe: der Entwicklung eines neuen Stadtteils, der HafenCity. Es gab einen Masterplan, sehr hohe Erwartungen, viele kritische Blicke, und ein kompliziert zu bebauendes Gebiet im Umbruch, damals noch Teil des Hafens. Jörn Walter nahm die Aufgabe mit Begeisterung auf: Hamburg und Harburg, schrieb er 2005, werden in den nächsten Jahren nicht mehr mit dem „Rücken zur Elbe“ leben, sondern die Elbe mit einem völlig neuen Gesicht in ihre Mitte nehmen.


Auch wenn sich der Entwicklungszeitraum noch bis Mitte der 2020er Jahre erstreckt, können wir heute schon sagen: Jörn Walter hat das größte innerstädtische Stadtentwicklungsprojekt Europas zum Erfolg geführt. Hamburg ist stolz auf die HafenCity, sie ist ein international anerkanntes Vorbild für große Stadtentwicklungsprojekte. Sie gehört zum Kerngebiet der City, fügt den Norden und den Süden der Stadt enger zusammen, ist integrativ und vielfältig. Die HafenCity ist ein Wohnort von Familien, insbesondere durch die Elbphilharmonie ein Ziel für Musikbegeisterte und Touristen, eine beliebte Adresse für Unternehmen und ein Ort der Wissenschaft, das alles durch den öffentlichen Nahverkehr hervorragend angebunden. Sie ist mehr geworden als ein neuer Stadtteil auch, weil sie den Hamburgern den Zugang zu Wasser und Hafen neu eröffnet hat. Ein kilometerlanger maritimer Spazierweg läuft inzwischen von den Landungsbrücken, vorbei an der Elbphilharmonie bis an den Überseeboulevard, und er wird sich bald bis an die Elbbrücken erstrecken.

Jörn Walter hat Hamburg immer als eine Stadt verstanden, die räumlich, mental und stadtplanerisch nicht vom Hafen zu trennen ist. Wie in keiner anderen europäischen Metropole liegt der Hafen pulsierend in der Mitte der Stadt. Die Stadtentwicklung müsse den Bezug zum Wasser als „Reichtum“ verstehen und stärker nutzen, hat Jörn Walter stets betont.

Elbe, Alster, Bille, prägen Hamburg genauso wie die Brücken und Kanäle. Aber diese Perspektive war an vielen Stellen lange entweder kaum zu sehen oder aber für die Bürgerinnen und Bürger nicht positiv erfahrbar. Wir verdanken es sicherlich auch der schon erwähnten kreativen Unruhe, dass Jörn Walter sich daran machte, die Stadt wieder dichter ans Wasser heranzuführen, Quartiere zu beleben, die lange vergessen schienen und die Potentiale der Metrozonen am Rande der großen Industriegebiete zu nutzen. Zu seinen großen Leistungen gehört die Wiederentdeckung der Stadtteile auf den Elbinseln und an der Süderelbe.

Große Teile Wilhelmsburgs, der Veddel und des Harburger Binnenhafens waren von städtebaulichen Verwerfungen gekennzeichnet als Jörn Walter sein Amt antrat. Die Stadtteile auf den Flussinseln galten als Orte mit enormen sozialen und städtebaulichen Problemen. Kaum jemand hätte damals Lust gehabt, extra dahin zu fahren, um dort den Sonntag zu verbringen oder eine Radtour zu machen, wie das heute üblich ist. Auch die Tatsache, dass es sich um Inseln handelt, blieb den meisten Bürgern im Alltag verborgen.

Aber der neue Oberbaudirektor verstand es, das Potential der Gebiete zwischen Norder- und Süderelbe zu wecken. Mit einer mehrtägigen, internationalen Entwurfswerkstatt schaffte er 2003 erste konzeptionelle Grundlagen für Hamburgs „Sprung über die Elbe“. Und es war Jörn Walter, der die Idee hatte, mit dem Format einer internationalen Bau- und Gartenausstellung auf den Elbinseln den Entwicklungsprozess einen ordentlichen Schwung zu verleihen. Jörn Walter  hat diesen Prozess über  die Jahre unermüdlich beworben, begleitet und sich bei unzähligen Bauprojekten bis ins Detail für die Qualität von Architektur und öffentlichem Raum eingesetzt. Er hat damit viel Akzeptanz bei den Bürgern und viel Anerkennung bei den Fachkollegen gewonnen.

Heute ist Wilhelmsburg kaum wieder zu erkennen: Es sind attraktive Quartiere mit bezahlbaren Wohnungen und neuen Büroflächen, mit Kitas und Seniorenwohnheimen, mit einem Gewerbehof und einem Zentrum für Künstler und Kreative. Ein typisch hamburgischer Lebensraum mit viel Grün, Platz am Wasser und vor allem: ein gemischtes Gebiet, in dem man sich wohlfühlt.  Dass das Bildungszentrum „Tor zur Welt“ heißt und der ehemalige Luftschutzbunker nun ein „Energiebunker“ ist, darf man als programmatisches Vermächtnis lesen. Zumal die Hamburger Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen seit 2013 ihren Sitz in Wilhelmsburg hat. Hamburgs Aufbruch in den Süden wird von hier aus begleitet. Von einer Behörde, die ihren Anspruch auch mit dem höchst modernen und international beachteten Gebäude sichtbar markiert hat.

Stadtplanung ist heute nicht mehr ohne Wohnungsbau zu denken. Der Trend zur Stadt ist ungebrochen, das zeigt sich seit Jahren auch in Hamburg. Dennoch fehlten 2011 in Hamburg 40.000 Wohnungen. Der Senat antwortete mit einem beispiellosen Wohnungsbauprogramm. Wir haben seitdem mehr als 66.000 Wohneinheiten genehmigt.


Und wir haben mehr als 37.000 Wohnungen fertiggestellt. Seit 2016 schaffen wir  pro Jahr die Voraussetzungen für mindestens 10.000 neue Wohnungen.


Jörn Walter hat das Wohnungsbauprogramm auf vielen Ebenen vorangetrieben. Etwa durch die Planungen zur Mitte Altona oder für die innenstadtnahen östlichen Stadtteile stromaufwärts an Bille und Elbe. Zu seiner Unterstützung für den Wohnungsbau gehörte immer auch die intellektuelle Auseinandersetzung, zum Beispiel über das Verständnis von Urbanität und ganz besonders auch über die Grundlagen des Baurechts. Und das ist ein großes Thema, das uns noch lange beschäftigen wird.

Während sich die modernen Architekten und Stadtplaner heute nach der Charta von Leipzig orientieren, die gerade zehn Jahre alt geworden ist, funktioniert das Bauplanungsrecht in weiten Teilen nach dem Modell der funktional getrennten Stadt. Ein Modell, das den Städtebau nach dem Krieg bestimmt hat und den Städten Verkehrsschneisen und isolierte Wohninseln hinterlassen hat. Jörn Walter hat unermüdlich erklärt, wie unsinnig es ist, heute mit einem Gesetz arbeiten zu müssen, dass über 50 Jahre alt ist.

Etwas wie die HafenCity zu realisieren, ist damit ungeheuer schwer. Auch die so beliebten Altbauten aus der Gründerzeit könnte man heute eigentlich nicht mehr bauen. Die Nutzungsmischung im Städtebau hinzubekommen, ist die wichtigste Aufgabe der kommenden Jahrzehnte. Hamburg hat unter der Leitung von Jörn Walter einen Katalog von Vorschlägen zur Reform der Baunutzungsverordnung sowie des Bundesimmissionsschutzgesetzes entwickelt. Viele der Anregungen hat das Bundesbauministerium in einer gesetzlichen Reform aufgegriffen. Besonders wichtig ist das Urbane Gebiet für nutzungsgemischte Stadträume.

Wir müssen das Bauplanungsrecht als Instrument des öffentlichen Rechts verstehen, das auf Entwicklungen reagieren und die Zukunft gestalten kann. Ich bin sicher, dass wir von Jörn Walter dazu weitere Anregungen in diese Richtung erhalten werden, auf seine kreative Unruhe ist Verlass.

„Städte brauchen Hintergrund und Dramaturgie“, sagt Jörn Walter gerne. Dass man an so vielen Stellen in Hamburg so weit in die Ferne sehen kann, ist ein Gewinn aber auch eine Verpflichtung für die Baukultur. Hamburg, so Walter, ist die „einzige topografisch flache Großstadt Deutschlands, die über ein großartiges Panorama verfügt. Das geht auf die vielen Wasserflächen zurück, nichts versperrt die Sicht.“

Zur Eigenheit der Stadt gehört deshalb auch ihr charakteristisches Profil in der Höhe. Dazu gehört einmal die normale Höhe, wie etwa in Eppendorf, auf der Uhlenhorst oder auch in der HafenCity. Die normale Höhe, so Walter, müsse immer so sein, dass die historische Silhouette der Stadt bewahrt wird. Für die Dramaturgie setzte Jörn Walter auf die Akzentuierung der früheren Stadttore, wie etwa am Millerntor, am Dammtor, am Lübecker Tor und am Berliner Tor. Dazu gehört dann auch die Akzentuierung durch einen Turm an den Elbbrücken, dem Eingangstor zur Stadt nördlich der Elbe.

Das Nachdenken über die Zukunft gehört zu den Hauptaufgaben eines Oberbaudirektors, viele Dinge, die Jörn Walter geplant und begleitet hat, werden sich erst in den kommenden Jahren und Jahrzehnten zeigen.

Jörn Walter hat sich stets am Grundprinzip der Eigenständigkeit der Stadt orientiert. Jede Stadt brauche andere Antworten, es gelte, „das Wesen der jeweiligen Stadt in die Zukunft zu tragen.“ Dieses Zitat erinnert sicher nicht zufällig an den berühmten Vorgänger, Fritz Schumacher. Schumacher beschrieb seine Aufgabe als „das liebevolle Versenken in das Wesen einer bestimmten Stadt, der die praktische Arbeit gelten soll. Je eigenartiger diese bestimmte Stadt ist, umso mehr wird man den Schlüssel zu ihrer Behandlung in dieser Eigenart suchen müssen.“ Das Wesen der Stadt Hamburg, ihre charakteristischen Merkmale hat Jörn Walter immer wieder gerne beschrieben und gestärkt, etwa auch mit seinem Engagement für den Schutz historischer Backsteinbauten.

Lieber Herr Walter, ich habe sehr gerne mit Ihnen zusammengearbeitet. Meine Erinnerungen an unsere Treffen sind äußerst positiv. Ich habe es genossen, mit Ihnen zu diskutieren, mich zu orientieren und ihren Rat zu hören.

Wohnungsbau, Sportstätten, Innenstadtplanung und die Erweiterung des CCH, all diese Dinge haben wir besprochen. Hamburg kennt Sie als verlässlichen Partner, sie stehen für Qualität im Bauen. Bei aller Planung, Präzision und notwendiger Prüfung war es nie langweilig.

„Hamburg ist auf dem Weg, in der Architektur eine neue Sinnlichkeit, Emotionalität und Poesie zu suchen“, solche Sätze haben wir sehr gerne von Ihnen gehört. Sie haben großartig gearbeitet, unsere Stadt gehört heute zu den Top-Adressen der modernen urbanen Architektur. Hamburg hat sich verändert und ist zugleich unverändert eine sehr schöne Stadt. Es gibt keinen Zweifel: In die Reihe der berühmten Hamburger Oberbaudirektoren passen Sie, lieber Jörn Walter, sehr gut.

Vielen Dank

 

Es gilt das gesprochene Wort.

zurück zur Liste

JETZT IM BUCHHANDEL

OLAF SCHOLZ

HOFFNUNGSLAND
Eine neue deutsche Wirklichkeit