Olaf Scholz
04.08.2017

Interview mit "Bild"

 

"BILD":Herr Bürgermeister, Sie leben schon lange in Altona, seit 2001 wieder in derselben Wohnung, die sie schon mal als Student bewohnt haben. Warum sind Sie nie umgezogen?


Olaf Scholz: „Das stimmt nicht ganz. Aus der Wohnung bin ich 'raus, als meine Frau und ich zusammengezogen sind. Dann haben wir ein paar Jahre in der Schanze gelebt und dann sind wir tatsächlich zurück in die alte Wohnung, als mein früherer Mitbewohner dort ausgezogen ist. Also: Hingezogen bin ich der Liebe zu meiner Frau wegen. Um die Ecke habe ich als Anwalt angefangen. Geblieben bin ich, weil ich mich wohlfühle. Vielleicht auch, weil ich in der Altonaer Christianskirche getauft worden bin.“

 

"BILD": Achtung, Philosophenfrage: Wieviel Altona steckt in Ihrer Politik?


Olaf Scholz: „Das wird schon ganz schön viel sein. Altona ist mein Stadtteil. Der freiheitliche Geist des ehemaligen Altona ist mir wichtig. Weltoffenheit wird dort praktisch gelebt – übrigens immer wieder neu.“

 

"BILD": Im Bezirk Altona liegt die Rote Flora. Wir bieten Ihnen eine Wette an: Trotz der G20-Krawalle wird sich in einem Jahr nichts am Umgang mit diesem Zentrum des Linksextremismus geändert haben. Halten Sie dagegen?


Olaf Scholz: „Ich wette nicht, ich handele. Klar ist: Es kann dort nicht so bleiben wie es ist. Militante Gewalt darf aus der Roten Flora heraus nicht mehr unterstützt werden. Und auch heimliche Sympathien für so etwas sind nicht tolerabel.“

 

"BILD": Ihr Satz „Es kann dort nicht so bleiben wie es ist“ ist unkonkret. Was tun Sie genau, um die rechtsfreien Verhältnisse, die es dort seit Jahren gibt, zu beenden?


Olaf Scholz: „Die Rote Flora ist eine Einrichtung, die seit knapp 30 Jahren existiert – daran haben auch CDU, Schill und FDP in ihrer Regierungszeit nichts geändert. Eine Zeit lang sah es danach aus, dass es dort friedlicher würde. Jetzt ist der Rückschlag da. Nun wird es zu Veränderungen kommen müssen. Und es sollte niemand hoffen, dass es so bleibt wie es ist, nur wenn man jetzt lange genug in Deckung bleibt.“

 

"BILD": Klingt gut. Aber mit Verlaub Herr Bürgermeister, viele Hamburger haben kryptisches Endlos-Gerede satt. Sie erwarten von Ihnen Führung...


Olaf Scholz: „Zu Recht!“

 

"BILD": Ok. Wann lassen Sie die Rote Flora räumen?


Olaf Scholz: „Wir brauchen jetzt nicht noch mehr Ankündigungen, sondern überlegte Schritte. Ich weiß, wohin ich will.  Und ich baue auf viel Unterstützung auf dem Weg, den ich jetzt einschlage.“

 

"BILD": Und wie der aus? Das A-Team aus Herrn Dressel und Herrn Tjarks fällt ein, führt Mediationsgespräche und zum Abschluss gibt's ein Friedens-Manifest?


Olaf Scholz: „Ganz so simpel wird es nicht gehen.“

 

"BILD": Herr Bürgermeister, solange sie nichts über das Wie sagen, kann uns das nicht befriedigen.


Olaf Scholz: „Das bekümmert mich natürlich sehr. Damit muss ich aber leben. Das Ganze funktioniert aber nur Schritt für Schritt. Sie müssen sich ein wenig gedulden.

 

"BILD": Kennen sie den Musiker Jan Delay?


Olaf Scholz: „Ja.“

 

"BILD": Der ist ein großer Unterstützer der Rotfloristen. Zuletzt hat er gewittert:

„Ich spiele am 24.9. beim rock gegen selbstverliebtespd-ärschediegegenunserenwillendiescheisseindiestadtholenundhinterherrumjammern“.

Was sagen Sie solchen Menschen?


Olaf Scholz: „Um die große Heidi Kabel zu zitieren: Da sage ich gar nichts zu, da geh ich so an vorbei.“

 

"BILD": Aber Ihnen ist schon bewusst, dass dieser Herr Delay stellvertretend für viele aus der Kulturszene steht, die die Rote Flora unterstützen?


Olaf Scholz: „Wir müssen unterscheiden zwischen reichlich merkwürdigen politischen Positionen auf der einen Seite und dem Gutheißen von Gewalt auf der anderen. Da verläuft für mich eine deutliche Grenze. Gewalt geht gar nicht. Auf dieser Klarheit bestehe ich. Auch das Un­ter­stüt­zer­-Mi­lieu muss das erkennen. Gewalt darf nicht mehr schick sein.“

 

"BILD": Sie laufen bei der ganzen Diskussion Gefahr, dass sie am Ende als zahnlos dastehen.


Olaf Scholz: „Nee.“

 

"BILD": Wie wollen Sie Ihren Koalitionspartner, die Grünen, dazu bringen, sich in der Frage der Roten Flora zu bewegen? Die sind doch in Wahrheit gegen jegliche Veränderung...


Olaf Scholz: „Die Grünen haben klargestellt, dass sie eine Abgrenzung von gewalttätiger Militanz erwarten. Seien Sie sicher, ich habe nicht vor, 2020...“

 

"BILD": ... dann ist wieder Bürgerschaftswahl ...


Olaf Scholz: „... noch über das Thema Rote Flora zu reden.“

 

Das Interview führten Markus Arndt und Nadja Aswald.

 

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