Olaf Scholz
11.09.2017

"Hamburg ist stolz auf diese Bürgerinnen und Bürger" – Grußwort: Dank an die Helfer von Barmbek

 

Sehr geehrte Frau Vizepräsidentin der Hamburgischen Bürgerschaft,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

es war ein Freitagnachmittag im Juli. In der Fuhlsbüttler Straße machten viele Barmbekerinnen und Barmbeker ihre Einkäufe und freuten sich vielleicht schon aufs Wochenende. Dann geschah das Unvorstellbare: Aus dem Nichts heraus stach ein junger Mann im Edeka-Laden wahllos auf Menschen ein, die zufällig in seiner Nähe waren.

Der Täter tötete einen Mann und stach einem anderen lebensgefährlich in den Oberkörper. Dann attackierte er Passanten auf der Straße und verletzte fünf weitere Menschen, davon einen schwer.

Die sieben Männer und Frauen, die angegriffen wurden, wollten einfach nur einkaufen oder ihre Fahrräder anschließen oder ihres Weges gehen, als das Messer sie traf.

Gut sechs Wochen ist das nun her. Viele Wunden sind verheilt, andere sind noch dabei zu heilen und bedürfen weiterer ärztlicher Behandlung. Aber es gibt auch einen Toten zu beklagen. Der Ermordete wird für immer in der Mitte seiner Angehörigen und Freunde fehlen. Das erfüllt uns mit Trauer.

Der 28. Juli 2017 ist ein Tag, den die Hamburgerinnen und Hamburger nicht vergessen werden. Sie werden die feige Gewalttat nicht vergessen und auch nicht, wie in all dem Unglück noch Schlimmeres verhindert wurde. Denn Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt haben sich auf eine Weise mutig, umsichtig und hilfsbereit gezeigt, die über das zu erwartende Maß weit hinausgeht. Das erfüllt mich mit großem Respekt und tiefer Dankbarkeit.

Der Täter handelte wie von Sinnen. Er war durch Worte oder Gesten nicht mehr erreichbar und konnte nur gewaltsam gestoppt werden.

Mit Stangen, Stühlen und Steinen verfolgten Männer den Täter und brachten ihn schließlich zu Fall. Sieben von ihnen wurde für ihre Entschlossenheit und Zivilcourage am 2. August der Ian-Karan-Preis verliehen. Sechs weitere Männer, die sich dem Täter entgegengestellt hatten, wurden erst während der Ermittlungen bekannt. Ihnen allen gehört heute unser Dank. Sie waren mutig. Sie haben gemeinsam mit anderen gehandelt. Und Sie haben sich zurückgezogen, als die Polizei eintraf.

Viele Bürgerinnen und Bürger haben spontan geholfen. Sie haben einem schwer verletzten Opfer, das zusammenzubrechen drohte, die Flucht ermöglicht, so dass es sich in einem Handyladen in Sicherheit bringen konnte. Auch andere Ladenbesitzer boten ihre Geschäfte als Zufluchtsort an.

Viele haben Erste Hilfe geleistet: So hat zum Beispiel eine Kundin des Edeka-Markts die blutenden Wunden abgedrückt, bis die Rettungskräfte eintrafen. Das war für das Opfer überlebenswichtig. Mitarbeiter des Rettungsdienstes G.A.R.D., die zufällig  vorbeifuhren, hielten sofort an und begaben sich in den Edeka-Markt, um zu helfen. Ein  Feuerwehrmann, der privat unterwegs war, versorgte ein weiteres Opfer.

In dieser schrecklichen Situation war die Zusammenarbeit der Bürgerinnen und Bürger mit der Polizei und den Rettungskräften vorbildlich. Sofort wurden neue Entwicklungen und Aufenthaltsorte gemeldet. Das hat den Einsatz  sehr unterstützt. Auch bei den Ermittlungen nach der Tat trugen viele Männer und Frauen zur Aufklärung bei, gaben Zeugenhinweise und stellten Videos zur Verfügung. Dadurch konnte die Tat lückenlos rekonstruiert werden.

Mein Dank gilt dem Edeka-Markt: dem Auszubildenden, der die Situation blitzschnell erfasste, und allen anderen, die auf vielerlei Weise halfen und mit der Polizei kooperierten. Erwähnen möchte ich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Verkehrsbetriebe, die die Polizei dabei unterstützt haben, das Bild- und Videomaterial zu sichten – bis in die späte Nacht des 28. Juli hinein und das ganze Wochenende über.

Die feige Tat hat Opfer, Angehörige, Helfer und Einsatzkräfte extrem stark belastet. Es ist gut, dass das Kriseninterventionsteam des Deutschen Roten Kreuzes Opfer und Augenzeugen gleich in den ersten Stunden nach den dramatischen Erlebnissen unterstützt hat. Die Psychosoziale Notfallversorgung für Einsatzkräfte stand den Kollegen vor Ort zur Seite. Der Weiße Ring war den Opfern ein guter Beistand. Es ist wichtig und gut, dass niemand mit derartig belastendenden Erlebnissen allein bleiben muss.

Meine Damen und Herren,
es bewegt mich tief, wie viele Männer und Frauen ihre Angst hintanstellten und einfach nur eins taten: Sie halfen. Barmbek hat Zivilcourage und Zusammenhalt gezeigt. Blumen, Kerzen und Briefe, niedergelegt vor dem Supermarkt, zeugten von tiefer Anteilnahme. Die Evangelische Kirchengemeinde hielt eine Andacht ab. Die As Sahaba Moschee fand klare Worte gegen die Gewalt.

Der Täter ist nun in Untersuchungshaft, seine Tat wird nach rechtsstaatlichen Prinzipien beurteilt. Wie es zu der Tat kam, untersuchen die zuständigen Behörden. Sie werden auch prüfen, wie man derartige Taten in Zukunft besser verhindern kann.

Eines aber steht heute schon fest: Menschlichkeit fragt nicht nach Herkunft oder Religion. Deshalb spielt es auch keine Rolle, wo die Männer und Frauen, die in Barmbek auf beispielhafte Weise Zivilcourage zeigten, herkommen und was sie glauben. Sie haben zusammengehalten und sie haben geholfen. Das ist es, was zählt.

Hamburg ist stolz auf diese Bürgerinnen und Bürger.

Vielen Dank

 

Es gilt das gesprochene Wort.

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