Olaf Scholz
12.09.2017

Grußwort: 30 Jahre Lycée français de Hambourg

 

Sehr geehrte Frau Botschafterin,
sehr geehrter Herr Panarioux,
sehr geehrte Frau Zornig,
liebe Schülerinnen und Schüler,
sehr geehrte Damen und Herren,

welcher Name passt zu einer Schule, die für die lange Verbindung von Deutschland und Frankreich steht? Einem Ort der Bildung und der Begegnung, in dem vom Kindergarten bis zum Abitur immer etwas los ist? Eine französisch-sprachige Schule in Hamburg, die immer wieder neu angefangen hat und nicht aufhören wird, sich neue Ziele zu setzen?

Eine Antwort darauf findet sich in einem kleinen Buch, aus dem ich gerne zitieren möchte. Aber nein, jetzt kommt nicht die Geschichte vom kleinen Prinzen, sondern das weniger bekannte, aber nicht weniger bewegende Buch „Über die Freundschaft“.

„Über die Freundschaft“ ist ein fiktiver Brief, 1941 geschrieben vom Namenspatron dieser Schule, Saint-Exupéry, an seinen jüdischen Freund Léon Werth, der zu der Zeit im von Deutschland besetzten Frankreich lebte. Es ist ein Appel an den Humanismus, Saint-Exupéry ruft dazu auf, sich auf das „Wesentliche“ zu besinnen. Er schreibt:

„Ehrfurcht vor dem Menschen. (…) Eine Zivilisation bildet sich zuerst im Kern (....). Darum, mein Freund, brauche ich so sehr Deine Freundschaft. Ich dürste nach einem Gefährten. Zu Dir kann ich kommen, ohne ein Stück meiner inneren Heimat preiszugeben. In Deiner Nähe brauche ich mich nicht zu entschuldigen, nicht zu verteidigen, nicht zu beweisen."

Auch wenn der Name „Antoine de Saint-Exupéry“  erst 1997 gewählt wurde, in ihrer ganzen Geschichte ist diese Schule ein stetiges Bekenntnis zur Deutsch-Französischen Freundschaft.  

Die Anfänge liegen in den 1960er Jahren, als Henri Farbod die „Kleine französische Schule gründete (die "Petite école française“). Unterrichtet wurde in zwei Appartements und einem Keller in der Sierichstraße in Winterhude. In den 1970er Jahren entstanden daraus zwei Schulen: die private Deutsch-Französische Schule und die Französische Schule, die schon früh von der Hamburger Schulbehörde als Privatschule anerkannt war. Anfänglich musste viel improvisiert werden: Für Biologie oder Physik wurden die Unterrichtsmaterialien per Post aus Frankreich geschickt, eine Bibliothek oder ein Labor gab es nicht. Als der Gründer der kleinen französischen Schule dann in Rente ging, wurde entschieden, die beiden Schulen wieder zu verbinden.

Diese Aufgabe übernahm vor dreißig Jahren eine Gruppe von frankophonen Eltern und Prominenten aus Hamburg. Sie wollten eine große und neue Schule im Geist der deutsch-französischen Freundschaft. Was wir heute als Fusion der französischen und der deutsch-französischen Schule erinnern, war eine hoch komplexe Aufgabe. Es ging ja nicht nur um die Verbindung zweier Sprachkreise und Kulturen, sondern auch um die hohen Ansprüche der Eltern und zwei vollständig verschiedene Bildungssysteme.  

Mit der Unterstützung von Frankreich, das die Lehrer stellte, startete die Französische Schule 1987 mit Herrn Gélis als erstem Direktor. Schon im Mai 1988 zog die Schule, in den Hartsprung, zunächst als Kooperation mit dem Gymnasium Hartsprung.

Von Anfang an gab es Angebote für alle Niveaus, von der Kita bis zum Gymnasium, auch wenn die Schüler für das französische Abitur (Baccalaureat) in den ersten Jahren noch nach Straßburg mussten.

Zum zehnten Jubiläum starteten Eltern und Schüler einen Wettbewerb zur Namensfindung.  Die Wahl fiel auf den Autor und begeisterten Piloten Antoine de Saint-Exupéry – Was ja sehr gut passt, denn wir alle wissen, Deutsche und Franzosen bauen gemeinsam die besten Flugzeuge der Welt, unter anderem hier in Hamburg.

Von Jahr zu Jahr stieg die Beliebtheit des „LFH“, wie das französische Akronym für die Schule lautet. Während anfangs noch zum Teil jahrgangsübergreifend unterrichtet werden musste, weil die Klassen sonst noch zu klein gewesen wären, sind heute jedes Jahr über 700 Schülerinnen und Schüler dabei, und wenn man den Elementarbereich hinzuzählt 900.

Der Erfolg ist vor allem dem großartigen Engagement des Trägervereins zu verdanken. In dem von Eltern und Freunden der Schule getragenen Verein kennt man sich hervorragend mit beiden Schulsystemen aus: Der Verein kümmert sich um die Finanzierung der Schule, erklärt den Schulleitungen, die alle paar Jahre wechseln, die Geheimnisse der deutschen Verwaltung und sorgt zusammen mit der französischen AEFE (Agence pour l’Enseigmenet français à l’étranger) dafür, dass der Unterricht zu dem französischen Lehrplänen passt. Jahrelanges Engagement hat hier Tradition: Frau Zornig, die Erste Vorsitzende, ist ja eigentlich schon seit 1991 dabei, zuerst als Mutter ihrer damals dreijährigen Tochter, dann 1993 im Elternrat und seit 2010 im Verein der Eltern und Freunde.

Einer Elterninitiative verdankt die Schule auch den Impuls zur Kooperation mit dem Gymnasium Othmarschen. Das war 1999, die Idee kam von einem deutsch-französische Elternpaar, schon ein Jahr später klappte die institutionelle Zusammenarbeit beider Gymnasien. Seit dem Jahr 2000 gibt es den kombinierten Abschluss aus deutschem Abitur und dem französischem Baccaleureat, kurz Abibac in Hamburg – und zwar in beiden Schulen: Lehrerinnen und Lehrer des französischen Gymnasium unterrichten in Othmarschen die Abibac-Schülerinnen und Schüler. Im Gegenzug kommen Lehrerinnen und Lehrer aus Othmarschen nach Lokstedt und unterrichten auf Deutsch. Die Zusammenarbeit ist sehr erfolgreich, das ist nicht zuletzt auch an den guten Abibac-Abschlüssen zu sehen.

Dass wir inzwischen vier Abibac-Gymnasien in Hamburg haben, neben Othmarschen und dem  Lycée auch die Gymnasien Osterbek und Süderelbe, ist ein gutes Zeichen.

Unsere Bildungssysteme müssen über die Grenzen unserer Nationen hinausdenken. Wir wollen, dass unsere Jugend lernt, im Partnerland zur arbeiten, sich wohl zu fühlen und Freunde zu finden. Schulen stehen im Zentrum der deutsch-französischen Freundschaft.

Hamburg wird gemeinsam mit unseren französischen Partnern und dem Trägerverein der Schule, dessen Leistungen wir heute feiern, noch einen Schritt weiter gehen: Das Französische Gymnasium Hamburg soll in den kommenden Jahren die Mutter des ersten Deutsch-Französischen Gymnasiums in Hamburg werden. Wir knüpfen damit an der Tradition der Vorgängerin, der kleinen deutsch-französischen Schule, an.

Frankreich hat die Anregung aus Hamburg mit Freude aufgegriffen ein staatliches zweisprachiges Gymnasium aufzubauen, das durch das französische und das deutsche System gleichermaßen inspiriert ist. In der von französischer und Hamburger Seite ins Leben gerufenen Arbeitsgruppe  arbeiten die Schulleitung, der Trägerverein sowie die Schulbehörden aus Hamburg und Paris zielstrebig an der Realisierung des Projekts.

Das neue Deutsch-Französische Gymnasium (DFG) wird eine öffentliche Schule sein, die gebührenfrei ist und die sich damit noch mehr Schülerinnen und Schülern öffnen kann. Frankreich unterstützt das Projekt und steuert durch die AEFE Expertise und Lehrkräfte bei. Die Eröffnung ist für das Schuljahr 2020/21 geplant.

Französisch ist eine Weltsprache. Der Anteil von Menschen, die Französisch sprechen, wächst rasant. Die Sprache verbindet Kulturen und Nationen und sie gehört seit Jahrhunderten zu Hamburg. Die Vielfalt der frankophonen Welt hat sich immer auch in den Klassen der Französischen Schule gespiegelt, Kinder aus mehr als 30 Nationen lernen dort.

Und eines möchte ich noch unbedingt loswerden: Mit diesem Schuljahr, sozusagen nach der „rentrée“ (Rückkehr) hat in Hamburg das „Jahr der französischen Sprache und frankophonen Kultur“ begonnen. Schulen überall in der Stadt werden das mit spannenden Projekten unterstützen.

Die Französische Schule hat eine sehr positive Dynamik in die Bildungslandschaft Hamburgs gebracht. Im Namen der Freien und Hansestadt Hamburg gratuliere ich dem Trägerverein der Französischen Schule Hamburg zum dreißigsten Geburtstag.
Ihr Engagement ist ein großer Gewinn für die deutsch-französische Freundschaft und für unsere Stadt.

Ich bin sehr zuversichtlich: Hamburg sieht einer Zukunft entgegen, in der viele Hamburgerinnen und Hamburger den nicht so einfachen Namen des LFH viel besser aussprechen können, als es mir vielleicht heute gelungen ist.

 

Vielen Dank

 

Es gilt das gesprochene Wort.

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