Olaf Scholz
12.10.2017

Grußwort: Senatsempfang zum Bürgertag

 

Sehr geehrte Frau Dr. Gundelach,
sehr geehrter Herr Vizepräsident der Hamburgischen Bürgerschaft,
sehr geehrte Mitglieder des Deutschen Bundestages,
sehr geehrte Frau Doyenne,
sehr geehrte Damen und Herren,

ich begrüße Sie sehr herzlich im Großen Festsaal  des Hamburger Rathauses. Er ist der prächtigste und feierlichste Saal, den wir anzubieten haben, und damit ist er genau passend für diesen Anlass.

Hamburg ist eine Bürgerstadt. Das zeigt sich auch im Rathaus, dessen Eingangshalle für Besucherinnen und Besucher fast immer geöffnet ist. Man erkennt es daran, dass unser Stadtparlament Bürgerschaft heißt. Oder daran, dass die Erbauer des Rathauses die prominenten Plätze an den Säulen der Rathausdiele den Bürgerinnen und Bürgern reservierten, die sich für die Stadt besonders verdient gemacht haben.  

Dass Hamburg eine Bürgerstadt ist, erkennt man an den vielen Stiftungen, die sich für die Belange der Stadt einsetzen, und – jetzt kommt endlich das Stichwort – an den Bürgervereinen, die sich wie ein dichtes Netz aus Hilfsbereitschaft und guter Nachbarschaft über die Stadt verteilen.

Die Idee der Bürgervereine entstand um 1840, weil viele Einwohner Hamburgs sich durch die Bürgerschaft nicht vertreten fühlten. Das ist nachvollziehbar, denn damals konnte man erst ab einem bestimmten Einkommen gewählt werden, weshalb in der Bürgerschaft vor allem vermögende Kaufleute saßen. Die ersten Bürgervereine kümmerten sich vor allem um die Interessen derer, die kein Grundeigentum und damit in der Regel auch kein Vermögen hatten.    

Der erste Bürgerverein Hamburgs wurde 1843 in St. Pauli gegründet. Nach den Vereinsangaben ist dies sogar der älteste in ganz Deutschland. Als 1890 in Hamburg die Cholera-Epidemie ausbrach, gab es bereits 32 Bürgervereine – die meisten von ihnen hatten sich bereits zu einem Zentralausschuss zusammengeschlossen.

174  Jahre später haben wir in unserer Stadt mehr als 60 Bürger-, Heimat- und Kommunalvereine mit über 80.000 Mitgliedern. Und damit haben wir über  80.000 Fachleute in der Stadt – Fachleute für Tatkraft und Eigeninitiative, Fachleute fürs Gemeinwohl, ausgestattet mit einer unschlagbaren Lokalkompetenz.

Liebe Gäste,
Sie alle stehen für das ein, was es braucht, damit ein demokratisches und mitmenschliches Zusammenleben in unserer Gesellschaft möglich ist. Dabei sind Ihre Tätigkeiten heute so vielfältig und anspruchsvoll, wie es einer modernen  Millionenmetropole entspricht. Sie unterstützen bei Hausaufgaben und Bildungsabschlüssen, organisieren Sportfeste, helfen im Katastrophenschutz, leisten Beistand in den Hospizen, setzen sich für den Tier- und Umweltschutz ein. Sie arbeiten in den Gremien der Stadtteile mit, unterstützen die zahlreichen Patenprojekte der Stadt und betätigen sich in der Flüchtlingshilfe.

Und neben den klassischen Aufgabengebieten gibt es auch noch manche „Exoten“. So übertragen beispielsweise Ehrenamtliche im Verein „Sütterlinstube“ Texte aus dem Sütterlin in unsere heutige Schreibweise. Das Sütterlin war in den 1920er Jahren die vorherrschende Handschrift und wurde 1941 von den Nationalsozialisten verboten. Nur wenige können diese Schrift, in der viele Zeitzeugnisse verfasst sind, heute noch lesen.

Aber ob Sie sich nun für die Geschichte der Stadt engagieren oder im Sportverein, in der Deichwacht, in der Flüchtlingshilfe oder im Zahnmobil, in dem Wohnungslose zur Zahnpflege beraten werden: Ich bin mir sicher, ohne die Bürgervereine sähe unsere Stadt heute anders aus – und mit anders meine ich: weniger lebenswert. Es ist eine gute Hamburger Tradition, dass die Bürgerinnen und Bürger die Geschicke ihres Quartiers und der Stadt selbst in die Hand nehmen.  

Der Hamburger Senat ist sich sehr bewusst, wie viel in unserer Stadt ehrenamtlich geleistet wird.  Und wir unterstützen das freiwillige Engagement sehr gezielt. Bereits 2013 hat Hamburg als erstes Bundesland eine Ehrenamtsstrategie bis 2020 entworfen. Diese Strategie wird ständig weiterentwickelt, auch jetzt laufen wieder Gespräche mit dem Aktivoli-Netzwerk darüber, wie wir das freiwillige Engagement langfristig stärken können.  

Das ist wichtig, weil das Ehrenamt sich verändert. Viele Freiwillige wünschen sich zeitlich flexible und eher kurzfristige, projektorientierte Einsätze, wie sie beispielsweise in der Flüchtlingshilfe anfangs möglich waren. Verantwortungsvolle Ämter in Vereinen, wie sie der Kassenwart oder der Vorstand darstellen, sind aber auf lange Sicht  ausgelegt. Hier müssen wir noch deutlicher machen, was für eine Chance darin liegt – für die nachhaltige Wirkung des freiwilligen Engagements wie für die persönliche Entwicklung. Das wird ja oft unterschätzt.  

Es ist wichtig, die Bedeutung und die vielen Facetten des Freiwilligen Engagements noch mehr hervorzuheben. Deshalb hat die Stadt Hamburg im März 2017 die Öffentlichkeitskampagne „Mit Dir geht mehr“ ins Leben gerufen. Herzstück der Kampagne sind sechs Staffelstäbe, die bis Dezember von Hand zu Hand gehen. Dabei wählen die Teilnehmenden selbst aus, an wen der Staffelstab weitergereicht werden soll.

Ein Staffelstab wurde übrigens im September an unseren Bundespräsidenten überreicht. Hamburg hatte auf dem Bürgerfest im Garten von Schloss Bellevue das Projekt „Mit Dir geht mehr“ vorgestellt und dafür viel Zuspruch erhalten.

Auf dem Blog www.mitdirgehtmehr.hamburg können Sie die Porträts der Kampagnen-Teilnehmer nachlesen. Und unter dem Hashtag #MitDirGehtMehr können Engagierte über Twitter, Facebook oder Google+ auf ihre freiwillige Arbeit hinweisen. Ich kann nur empfehlen: Probieren Sie das aus. Es ist sehr beeindruckend, wie viele Formen des freiwilligen Engagements sich auf einen Klick erleben lassen.


Für die Ehrenamtlichen ist das Internet heute vielfach ein Segen. Denn über Portale können sich plötzlich Menschen finden, die einander früher nur schwer kennengelernt hätten. Menschen, die helfen möchten, kommen nun leichter mit Menschen zusammen, die Hilfe brauchen – oft nur stundenweise und so, wie es in den eigenen Lebensrhythmus passt. Ein gutes Beispiel ist etwa die Internetseite GuteTat.de, über die man Geburtstagsbesuche, Gottesdienstbegleitung, Patenschaften oder den Besuch einer Eisdiele zu zweit organisieren kann.

Meine Damen und Herren,
ich hatte eingangs Ihre unschlagbare Lokalkompetenz angesprochen. Bei den Bürgervereinen läuft viel Wissen über die Nachbarschaft und den Stadtteil zusammen, und dieses Wissen setzen Sie geschickt ein. Lokalkompetenz ist gefragt – auch und gerade in einer globalisierten Welt.  

Dass Hamburg und die Metropolregion von der Globalisierung profitieren, kann man im Hafen genauso sehen wie an den zahlreichen Startups oder im Tourismus. Amerikaner denken längst nicht mehr nur an ihre weichen Fleischbrötchen, wenn sie den Namen unserer Stadt hören. Und für chinesische Reisegruppen steht „Hànbăo“ auf der Liste deutscher Attraktionen immer öfter in einer Reihe mit dem Brandenburger Tor und Neuschwanstein. Darüber freuen wir uns sehr.

Globalisierung heißt aber auch, dass der sprichwörtliche Sack Reis, der irgendwo in der Ferne umfällt, plötzlich doch eine Bedeutung für das eigene Leben bekommen kann. Wenn in Syrien Krieg herrscht, dann steigt in Hamburg zum Beispiel plötzlich der Bedarf an professionellen wie ehrenamtlichen Deutschlehrern. Die Globalisierung bringt auch für die Freiwilligen neue Aufgaben.

Gerade in Zeiten rascher Veränderungen sind die Bürgervereine wichtige Anlaufpunkte. Sie stehen für Verlässlichkeit, Vertrautheit und für gute Nachbarschaft. Bürgervereine stärken das Miteinander und das Zugehörigkeitsgefühl. Ich würde mir sehr wünschen, dass sich auch in den neu entstehenden Quartieren, in der Mitte Altona, in Oberbillwerder oder später einmal auf dem Grasbrook, Bürgervereine bilden, die sich für Sport, Kultur und ein gutes Miteinander einsetzen.

Aber das ist Zukunftsmusik. Heute sage ich danke für das, was Sie im vergangenen Jahr geleistet haben. Es ist gut, wenn eine Stadt auf das Engagement ihrer Bürgerinnen und Bürger zählen kann.

Vielen Dank dafür

 

Es gilt das gesprochene Wort.

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