Olaf Scholz
14.11.2017

Grußwort zum Pekingenten-Essen der Chinesisch-Deutschen Gesellschaft

 

Sehr geehrter Herr Neelmeier,
sehr geehrter Herr Chen,
sehr geehrter Herr Sun,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

„Für Pekingente habe ich eineinhalb Jahre gebraucht“, hat der deutsche Sternekoch Tim Raue einmal bekannt. Das ist eine lange Lehrzeit für einen, der unter Deutschlands Köchen zu den Angesehensten gehört. Aber vor einer Pekingente hat sogar jemand wie der Kochstar Tim Raue Respekt. Mehr als 200 Enten habe er übungshalber zubereitet, bevor er mit dem Ergebnis soweit zufrieden war, dass er seinen Restaurantgästen eine Pekingente made in Germany zu servieren wagte.

Die Zubereitung einer Pekingente ist eine hohe Kunst und die Einladung zu einem chinesischen Pekingenten-Essen eine besondere Ehre. Ich bedanke mich herzlich dafür bei der Chinesisch-Deutschen Gesellschaft und bei der Hamburger China-Gesellschaft, die ihr traditionelles Pekingenten-Essen in diesem Jahr erstmals gemeinsam ausrichten.

Die Hansestadt Hamburg und China sind einander eng verbunden. Mehr als 500 chinesische Unternehmen sind in Hamburg niedergelassen, darunter große internationale Handelsunternehmen wie Baosteel oder die China Cosco Shipping Group. Knapp 600 Hamburger Unternehmen, viele mittelständisch, pflegen Handelsbeziehungen nach China. Über den Hamburger Hafen läuft mehr als die Hälfte des deutschen Außenhandels mit China; 177 Güterzugverbindungen pro Woche stellen die Weichen für den Warentransport zwischen Hamburg und 23 chinesischen Städten.

Seit 2004 pflegen Hamburg und Shanghai eine Hafenpartnerschaft, seit 31 Jahren sind wir durch eine Städtepartnerschaft verbunden. Ende dieser Woche wird Hamburg in Shanghai das fortgeschriebene Memorandum of Understanding unterzeichnen.
 
In Hamburg ist hervorragende China-Expertise zuhause. Ich nenne nur das GIGA German Institute of Global and Area Studies, den Ostasiatischen Verein, das Konfuzius-Institut an der Universität Hamburg und die China-EU-School of Law, die 2008 eingeweiht wurde.

Wir freuen uns in Hamburg sehr über die steigende Zahl der Gäste aus China. 90.000 Übernachtungen wurden 2016 gezählt – also vor Eröffnung der Elbphilharmonie, die aus dem klassikbegeisterten China weitere Besucherinnen und Besucher anlockt. Ein besonderes Ereignis im August war der Auftritt des Shanghai Symphony Orchestra, das in der Elbphilharmonie unter dem Dirigenten Yu Long Tschaikowskys berühmte Symphonie „Patétique“ spielte. Mit dem NDR Elbsymphonie Orchester haben die Symphoniker aus Shanghai bis 2020 ein außergewöhnliches Austausch- und Partnerschaftsprogramm verabredet.   

Ein Ereignis, das ebenfalls in Erinnerung bleiben wird, sind die lebensfrohen, feixenden Frauenfiguren, die der chinesische Künstler Xu Hongfei im Sommer an verschiedenen Orten in Hafen und Stadt aufgestellt hat, darunter Radelnde, die sich auf dem Fahrrad gegen den Wind stemmen, gemütlich die Beine über den Lenker legen oder mit fliegenden Haaren und Beinen davonsausen. Das passte zu unserer oft windigen, kunst- und fahrradbegeisterten Stadt.

Meine Damen und Herren,
wenn es um die großen Herausforderungen der Zukunft geht, ist ein Blick nach China für uns in Hamburg immer lohnend – und umgekehrt verhält es sich vermutlich ähnlich. Innovative Technologien, von der Nanowissenschaft bis zum Smart Port und zur autonomen Mobilität; moderne Stadtentwicklung; Industrie 4.0 und Digitalisierung der Gesellschaft – in all diesen richtungsweisenden Bereichen geht Hamburg voran.

Dabei ist es von entscheidendem Vorteil, dass Hamburg mit seinem Welthafen seit Jahrhunderten intensive internationale Verbindungen pflegt. Innovationskraft und Grad der globalen Vernetzung sind entscheidende Faktoren, um am zukünftigen Wirtschaftswachstum teilzuhaben.         

Hamburg ist in Deutschland eine erste Adresse für Innovationen. Dafür steht auch der Weltkongress für Internationale Transportsysteme, den wir 2021 gemeinsam mit dem Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur bei uns ausrichten werden. Wir erwarten mehr als 10.000  Teilnehmerinnen und Teilnehmer in der Hansestadt, darunter hoffentlich auch viele aus China. In den vier Jahren bis zum Kongress werden wir gemeinsam mit unseren Partnern aus Wirtschaft und Wissenschaft Testmöglichkeiten aufbauen, so dass die neuen Technologien in einem möglichst realitätsnahen Umfeld erprobt werden können.

Automatisiertes und vernetztes Fahren, intelligente Logistik, wie wir sie unter anderem im Hamburger smart Port einführen, eine intelligente Infrastruktur, mit der sich zum Beispiel der gerade stattfindende Verkehr erfassen und auswerten lässt; intelligente Parksysteme, ein automatisches Ticketsystem für den Öffentlichen Nahverkehr oder On-Demand-Shuttles – all das wird Thema des ITS-Kongresses sein. Und nicht nur Thema, vieles kann man dann auch anschauen oder ausprobieren. Dazu möchte ich Sie schon heute herzlich einladen.

Hamburg wird in den kommenden Jahren Deutschlands Modellstadt für urbane Mobilitäts- und Logistiklösungen werden. Bereits im April 2016 hat der Senat eine „ITS-Strategie für Hamburg“ beschlossen, die wir seither zügig umsetzen. Dem Motto unserer Kongressbewerbung, Hamburg sei eine „City of Solutions“, lassen wir jetzt schnell konkrete Schritte folgen. Um den Bürgerinnen und Bürgern den Umstieg auf die Elektromobilität zu ermöglichen, installieren wir zum Beispiel ein dichtes Netz an öffentlich zugänglichen Ladepunkten für Elektroautos – in diesem Oktober haben wir den 600. Schnellladepunkt im öffentlichen Bereich in Betrieb genommen.

Und der Ausbau geht weiter: Bis 2019 werden in Hamburg 1.000 Ladestationen verfügbar sein; weitere 150 Ladepunkte werden an switchh-Standorten für die Nutzung von E-Carsharing-Fahrzeugen eingerichtet. Mit dem Hamburger Mobilitätssystem switchh lassen sich verschiedene Mobilitätsformen, von Carsharing über Stadtrad bis zum Öffentlichen Nahverkehr, unkompliziert miteinander verbinden.

Ab 2020 wird die Stadt nur noch elektrisch fahrende Busse anschaffen. In der Logistik werden ebenfalls zunehmend elektrische Fahrzeuge eingesetzt. Wir testen auch autonome Warenlieferung an Kunden und neue digitale Liefersysteme. Innovationen und moderne Technologien wie diese machen unsere Stadt in Zukunft noch lebenswerter; sie schaffen  Arbeitsplätze und motivieren potenzielle Unternehmensgründer; sie fördern das Wirtschaftswachstum und sind eine Voraussetzung, um unsere Klimaziele zu erreichen. Wir sind sehr interessiert an einem weiteren Austausch mit China, das auf vielen Feldern der Mobilität kreative Vorschläge entwickelt.

Um Innovationen voranzutreiben, schaffen wir in Hamburg Orte, an denen Unternehmen und Forschung sich noch besser austauschen und gemeinsam an neuen Produkten und Dienstleistungen arbeiten können. Das bekannteste Beispiel ist sicherlich das Zentrum für Angewandte Luftfahrtforschung (ZAL), wo Airbus, Lufthansa Technik sowie mittelständische Unternehmen mit Wissenschaftlern unter einem Dach forschen und entwickeln. Erst vor vier Tagen haben wir im ZAL zwei neue Institute des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt eröffnet – für Hamburg und die europäische Luftfahrt war das ein wichtiger Schritt.

Auch an anderen Orten bauen wir sogenannte Forschungs- und Innovationsparks auf, etwa in Hamburg-Bergedorf am Energie-Campus oder in Hamburg-Harburg, wo wir Anfang 2017 ein neues Gründerzentrum der Technischen Universität, den InnovationCampus Green Technologies, eröffnet haben. Auch in unmittelbarer Nachbarschaft zum Forschungscampus rund um das DESY in Hamburg-Bahrenfeld entsteht ein neues Gründerzentrum für Unternehmen, die in den Forschungsfeldern des Campus tätig sind. Ein schneller und unkomplizierter Transfer zwischen Wissenschaft und Wirtschaft zählt zu den wichtigsten Voraussetzungen für die Zukunftsfähigkeit unserer Stadt, die in diesem Jahr mit der Elbphilharmonie und mit dem Röntgenlaser European XFEL zwei Jahrhundertvorhaben fertigstellen konnte. Die positive Resonanz aus aller Welt ist eine schöne Bestätigung für den Weg, den Hamburg einschlägt.

Ein anderes Thema, das auch in China höchste Priorität genießt, ist die Stadtentwicklung. Zweifellos steht China, wo voraussichtlich bereits 2025 etwa 70 Prozent der Bevölkerung in Städten leben werden, vor noch größeren Herausforderungen als Hamburg. Das Wachstum von Shanghai oder Peking ist mit der Entwicklung in Europa kaum vergleichbar. Trotzdem schauen wir interessiert auf China, wenn zum Beispiel südlich von Peking in der Provinz Hebei eine ganz neue Metropole geplant wird, in der auch große Technikfirmen und Universitäten eine Heimat finden sollen. Mit Peking, Tianjin und dem in Planung befindlichen Xiong´an könnte dann eine Metropolregion mit 130 Millionen Einwohnern entstehen.

Dass das Wachstum in Hamburg dagegen überschaubar erscheint, ist für uns auch eine Chance. Dabei weisen die städteplanerischen Grundfragen trotz aller Unterschiede viele Ähnlichkeiten auf. Wie können wir qualitativ hochwertig und gleichzeitig bezahlbar bauen? Was müssen neue Quartiere haben, damit die Bewohnerinnen und Bewohner sich dort wohlfühlen? Wie muss die Mobilität aussehen, damit Lebensqualität und Umwelt unter dem Verkehr nicht leiden? Wie können Wohnen und Gewerbe in direkter Nachbarschaft existieren? Bei meinem Besuch in Singapur im vergangenen Jahr  habe ich Beispiele für flatted factories, also für in einem Gebäude übereinander gestapeltes Gewerbe, angeschaut – das war sehr anregend für die Gestaltung von Gewerbehöfen in Hamburg.
 
Eine andere, ganz entscheidende Frage ist, wie sich in den erfolgreichen und lebenswerten  Städten ein bezahlbares Preisniveau für Wohnraum erhalten oder herstellen lässt. San Francisco, London, München – das sind hochattraktive Metropolen, in denen sich ein Durchschnittsverdiener in citynahen Lagen keine Wohnung mehr leisten kann. Die Folge sind Innenstädte, in denen man kaum noch Kinder, Bäcker oder Supermärkte findet, weil fast alle Familien an den Stadtrand gezogen sind. Eine solche Entwicklung wollen wir in Hamburg nicht.  

Hamburg wächst, weil die Stadt wirtschaftlich erfolgreich ist und es sich hier gut leben lässt. Darüber sind wir froh, aber wir müssen auf das Wachstum auch angemessen reagieren. Das tun wir seit 2011, indem wir Wohnungen und neue Quartiere bauen, indem wir die Bebauung in manchen Stadtteilen verdichten und an anderen Orten neue Wohngebiete erschließen. So haben wir zum Beispiel jetzt mit der Erstellung eines Masterplans für Oberbillwerder begonnen. Auf 120 Hektar Fläche soll in Bergedorf an der Bille ein neuer Stadtteil mit etwa 6.000 Wohnungen, mindestens 4.000 Arbeitsplätzen, drei Schulen, zwölf Kindertagesstätten und allem anderen, was zum Alltag nötig ist, entstehen.

Außerdem planen wir fast überall, wo wir bauen, auch auf dem Grasbrook, in der östlichen Hafencity und in anderen begehrten Lagen, etwa ein Drittel geförderte Wohnungen. Wir wollen gemischte Stadtteile, in denen unterschiedliche Einkommens- und Altersgruppen nebeneinander leben. Das ist nicht nur eine Frage von Gerechtigkeit, sondern auch von wirtschaftlicher Vernunft.

Denn junge Fachkräfte, qualifizierte Handwerker oder angehende Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen gehen dorthin, wo die Arbeits- und die Lebensbedingungen stimmen. Wo sie eine ansprechende urbane Umgebung vorfinden, gute Schulen und Kitas, bezahlbare Wohnungen in freundlichen Nachbarschaften, moderne Verkehrssysteme, interessante kulturelle und sportliche Angebote. Nur wo man gut leben kann und eine bezahlbare Wohnung findet, werden die Unternehmen das qualifizierte Personal einstellen können, das sie brauchen, um auf lange Sicht erfolgreich und innovativ zu bleiben.

Innovation und Stadtentwicklung hängen eng zusammen. Hamburg steht beispielhaft für eine moderne, wachsende europäische Metropole, in der Lebensqualität für alle eine wichtige Voraussetzung für dauerhafte Innovationskraft ist.

Meine Damen und Herren,
es ist gut, dass China und Deutschland Partnerschaften geschlossen haben, um sich bei den Themen Stadtentwicklung und Innovationen auszutauschen. Gelegenheit wird es dazu in Hamburg auch 2018 wieder geben. Dann lädt zum siebten Mal die „China-Time“ ein, die größte Plattform zur Vernetzung und zum Austausch mit China in ganz Deutschland. Und für voraussichtlich November des kommenden Jahres ist bereits der achte „Hamburg Summit – China meets Europe“ der Handelskammer Hamburg geplant.

Ich würde mich freuen, wenn wir uns dort oder bei anderer Gelegenheit wiedersehen.

Und nun guten Appetit.

Vielen Dank

 

Es gilt das gesprochene Wort.

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