Olaf Scholz
24.11.2017

Rede zum Senatsempfang für die Vereinigung Deutsch-Französischer Gesellschaften

 

Sehr geehrter Herr Generalkonsul,
sehr geehrte Frau Dr. Mehdorn,
sehr geehrte Frau Martin-Kubis,
sehr geehrter Herr Kremeyer,
sehr geehrte Damen und Herren,

im Januar 1932 bereiste Marcelle Capy die Herausgeberin der Zeitschrift „La Vague“ Deutschland. „Vague“, zu Deutsch „Die Welle“, war ein Journal für Pazifismus, Sozialismus und Feminismus, in dieser Reihenfolge, und Männer mussten sich sicher nicht ausgeschlossen fühlen. Unterstützt von Erika Mann, sprach Capy auf öffentlichen Veranstaltungen in München und Hamburg über das Verhältnis zwischen unseren Ländern. Ihre Botschaft fasste der „Hamburger Anzeiger“ schlicht und ergreifend so zusammen: „Sie versicherte, dass der französische Bürger und Bauer nichts sehnlicher als den Frieden wünsche und bereit sei, dem Nachbarn die Hand zu reichen.“

In Hamburg kamen die einleitenden Worte von Erich Lüth, dem Vordenker der deutsch-französischen Freundschaft und späteren Mitbegründer der „Gesellschaft Cluny der Freunde deutsch-französischer Geistesbeziehungen“. Das „Friedenskartell“ wie er es nannte, hatte Zuspruch nötig. Die Interessengemeinschaft der Friedensfreunde war 1929 zerbrochen. Ideologische Differenzen bestimmten die Diskussion. Es war nicht die Zeit der Einigkeit und Brüderlichkeit, in Deutschland nicht und in Frankreich nicht. Heute wissen wir, worauf Deutschland zusteuerte und was den Bewohnern von Stadt und Land bevorstand, in Hamburg, in Cherbourg, der Heimatstadt von Marcelle Capy, die bei der Befreiung durch die Normandie-Invasion  Schauplatz schwerer Kämpfe wurde, und häufig noch Fürchterlicheres an anderen Orten in ganz Europa.

Erich Lüth überlebte Kriegsdienst und Gefangenschaft, obwohl er die Politik Hitlers auch öffentlich kritisiert hatte. Ich kann mir gut vorstellen, dass Erich Lüth den engagierten Auftritt der frauenbewegten Pazifistin aus Frankreich noch im Sinn hatte, als er am 27. November 1947, also vor ziemlich genau 70 Jahren, gemeinsam mit anderen Hamburgern die deutsch-französische Gesellschaft „Cluny“ begründete.

1947, das war eine schwierige Zeit mit ungewisser Zukunft – aus Sicht der Franzosen und der Deutschen, die nun einen zweiten Weltkrieg hinter sich hatten. Nebenbei auch eine Zeit, zumindest im Norden beider Länder, mit sehr kaltem Winter mit wenig Feuerung.

„Von uns wird einst die Nachwelt zeugen, schon blickt auf uns die Gegenwart. Frisch auf, beginnen wir den Reigen, ist auch der Boden rau und hart“

heißt es in einer Nachdichtung der Marseillaise, die von dem Hamburger Jacob Audorf stammt, die sogenannte Arbeiter-Marseillaise aus dem Jahr 1864.

Es gab in Hamburg auch nach dem Krieg immer wieder viele Entschlossene, die den Boden auftauen und dem Nachbarn die Hand reichen wollten. Hamburger, die dafür sorgen wollten, dass Bürger, Bauern und Arbeiter, die sich Frieden wünschten, ihn nun endlich dauerhaft bekamen.

Getragen von dieser Sehnsucht nach Freundschaft entstanden in vielen Städten und Gemeinden deutsch-französische Arbeitskreise, Sprachgruppen und Gesellschaften. Und so konnte dann im Juni 1957 auch der bundesweite Arbeitskreis Deutsch-Französischer Gesellschaften in Wetzlar gegründet werden. Das ist das zweite Jubiläum, das wir heute feiern. Ich freue mich sehr, dass wir aus diesen erfreulichen Anlässen die Jahrestagung der Vereinigung Deutsch-Französischer Gesellschaften in Hamburg begrüßen können.

Erst elf Jahre nach der Gründung von Cluny und ein Jahr nach der des Arbeitskreises trafen sich im September 1958 De Gaulle und Adenauer das erste Mal. Man sieht daran: Viel früher als die Regierungen haben Bürgerinnen und Bürger das Friedensprojekt der beiden Nachbarländer zu ihrer Sache gemacht. Ihr Wirken, meine Damen und Herren, war schon damals eine unverzichtbare Grundlage. Darauf können Sie sehr stolz sein.

Das Wissen um die großen kulturellen und historischen Leistungen Frankreichs haben viele Deutsche auch in Krisen- und Konfliktjahren nie vergessen. Durch die Jahrhunderte war das Verhältnis unserer Länder immer auch von Bewunderung geprägt, mal offen oder mal heimlich. Französische Lebensart, das bedeutete unter anderem: Leichtigkeit, Esprit und latente Aufsässigkeit gegen Autoritäten. Heinrich Heine und Carl Ludwig Börne, die in Paris Zuflucht vor den deutschen Zensurbehörden gesucht hatten, verstanden ihren Landsleuten die Botschaft zu vermitteln, dass dort sogar die Luft irgendwie anders roch.

Die Begeisterung für die französische Kultur und die demokratische Tradition Frankreichs zeigt sich auch in der großen internationalen Wertschätzung gegenüber der Marseilleise.

225 Jahre ist sie alt und doch ein lebendiges und schillerndes Kulturerbe. Zwar fordert der Text mit ungewohnt martialischen Worten zum Kampf gegen die Feinde des Volkes und des Vaterlandes auf. Aber zugleich ist die Marseilleise, vor allem die Melodie, eine universelle Hymne der Freiheit. Sie hat die kosmopolitisch gesinnten Menschen in ganz Europa angeregt und vereint, selbst Schumann und Debussy haben sie musikalisch zitiert. Und vor fünfzig Jahren wurde sie in einer weltweiten TV-Livesendung in ein Lied eingebaut, das „All You Need is Love“ heißt. Auch bei den Beatles erklingt die französische Nationalhymne, weil ihre Melodie für Freiheit und internationale Verständigung steht.

Umso mehr freut es mich, dass es nun eine zweite Hamburger Fassung des Textes gibt: Die „Marseillaise der Hoffnung“. Véronique Elling hat sie uns eben gesungen, und von ihr sind auch die Worte: Die Marseillaise der Hoffnung ist ein Aufruf an die Nachbarn, sich die Hand zu reichen, so wie das die deutsch-französischen Gesellschaften seit vielen Jahren immer wieder tun. Eine Hamburgerin aus Montpellier schreibt eine Marseillaise: Das ist eine Ehrung für die deutsch-französische Freundschaft. Und das ist auch ein Geschenk für Hamburg und natürlich auch für Marseille, die Hamburger Partnerstadt, aus der die ursprüngliche Fassung des Liedes stammt.

Meine Damen und Herren,
wenn zwei so unterschiedliche Länder nach der Geschichte und seit so vielen Jahren gute Freunde sind, dann sind sie auch hervorragend dafür geeignet, die anderen Länder in der Europäischen Union besser zu verstehen und Kompromisse zu entwickeln. Unsere Freundschaft kann Europa tragen und voranbringen. Wir kennen die Höhen und Tiefen. Wenn die Europäische Union an ihren Rändern auszufransen beginnt, dann ist es an uns, zu versichern: Wir werden gemeinsam weiterhin intensiv an diesem großartigen Einigungsprojekt arbeiten.


Dazu gehört – ganz wesentlich – auch das Engagement der deutsch-französischen Gesellschaften. Nicht nur, weil internationale Politik neben dem Kennenlernen und dem Vermitteln der Sprache und der Kultur ihre Leidenschaft sind. Sondern auch, weil die Freundschaft zwischen Staaten immer auch auf persönlichen Verbindungen beruht.
Denn es ist ja niemals nur eine Geste, ein Lied, ein Vertrag, die uns zusammenführen. Jede Generation muss wieder neu begeistert werden: Die deutsch-französische Freundschaft ist ein intergeneratives Projekt. Und das klappt hervorragend: seit sechzig, bzw. siebzig Jahren.


Und ich möchte dazu Madame Elling zitieren, bzw. die Marseillaise der Hoffnung:


„Auf geht’s, Bürger. Für das Europa von morgen. Laufen wir, singen wir. Und, dass der Frieden. Unsere Wege erhellt.“


Das Singen haben wir heute Frau Elling überlassen. Alles andere müssen wir selber machen.


Auf geht’s. Auf die großartige deutsch-französische Freundschaft. Und die, die sie tragen: auf Sie, meine Damen und Herren. Machen Sie weiter so. Die deutsch-französische Freundschaft lebt von Ihnen und durch Sie.


Ich wünsche dem Arbeitskreis Deutsch-Französischer Gesellschaften und der Gesellschaft „Cluny“ alles Gute zu den Jubiläen! Möge dieser Jahreskongress aller Deutsch-Französischen Gesellschaften ein Ort konstruktiver Diskussionen sein und den europäischen Gedanken weiter unterstützen.


Und den in Hamburg und vielen anderen Regionen Deutschlands wohnen Bürgerinnen und Bürgern der Französischen Republik wünsche ich, dass sie gern hier leben. Bleiben Sie aktiv, sorgen Sie dafür, dass wir weiterhin kosmopolitische Luft atmen.

 

Vielen Dank.

 

Es gilt das gesprochene Wort.

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