Olaf Scholz
29.11.2017

Grußwort zur Einweihung dreier Windkraftanlagen bei ArcelorMittal

 

Sehr geehrter Herr Prinz,
sehr geehrter Herr Bandusch,
sehr geehrter Herr Dr. Braun,
sehr geehrter Herr Botschafter,
sehr geehrte Damen und Herren,

es ist gerade etwas mehr als vier Monate her, dass ich hier bei Ihnen im Werk zu Gast war. Sie, lieber Herr Bandusch, präsentierten mir damals Ihre Vorhaben zur Optimierung der Energie- und Umweltbilanz des Hamburger Stahlwerks – etwa mit Hilfe des neuen Hub-Balkenofens, der damals im Bau war und erheblich weniger Gas für die Herstellung von Walzdraht benötigen wird. Heute bin ich bei Ihnen, um drei neue Windkraftanlagen auf dem ArcelorMittal-Gelände offiziell in Betrieb zu nehmen.

Ein ehrgeiziges und höchst interessantes Projekt ist vollendet.

Die drei Nordex-Anlagen, die wir heute einweihen, werden jährlich rund 23.000 Megawattstunden Strom erzeugen. Das entspricht dem Strombedarf von mehr als 5.100 Familien. Betreiber dieser drei Windenergieanlagen ist unser städtischer Versorger Hamburg Energie. Damit erhöht das Unternehmen die eigene Ökostromerzeugung – nicht nur auf Hamburger Staatsgebiet, sondern auch in der ganzen Metropolregion – auf jährlich rund 180.000 Megawattstunden.

2017 wurden in Hamburg insgesamt 20 neue Windkraftanlagen mit einer Gesamtleistung von knapp 50 Megawatt Leistung errichtet: diese drei hier auf dem Gelände von ArcelorMittal, weitere im Hafen bei Trimet, dazu in Altengamme, Curslack und Ochsenwerder. Wir sind in diesem Jahr beim Ausbau der Windenergie entscheidende Schritte vorangekommen. Zum Ende des Jahres werden sich 65 Windkraftanlagen mit einer Leistung von mehr als 110 Megawatt in Hamburg drehen. Das Ziel des Senats, 120 Megawatt Leistung bis zum Ende der Legislaturperiode in Hamburg zu erreichen, ist realistisch, wie auch der heutige Tag zeigt.

Die Errichtung einer jeden einzelnen Anlage stellt einen Kraftakt dar und braucht einen langen Vorlauf. Die zur Verfügung stehenden Flächen sind naturgegeben begrenzt, das gilt für die norddeutschen Flächenländer, die einen Großteil der Windenergie produzieren und noch mehr in unserem Stadtstaat.  Zudem muss in umsichtigen Genehmigungs- und Beteiligungsverfahren das Anliegerinteresse berücksichtigt und für Akzeptanz geworben werden.

Auch hier bei ArcelorMittal, im eher dünnbesiedelten Waltershof, gingen der Vertragsunterzeichnung lange Verhandlungen voraus. Mehrere Partner mussten unter einen Hut gebracht werden. Die Auswirkungen dieser Investition auf die Umwelt wurden geprüft. Die Deutsche Flugsicherung musste wegen der Nähe zum Airbus-Standort in Finkenwerder und dem dortigen Flugverkehr ihre Zustimmung geben. Für den Aufbau der Anlagen mussten die Zufahrtswege vorbereitet werden. Schließlich handelt es sich hier um extrem große und schwere Teile, wie Sie bei diesem Anblick selbst ermessen können. Außerdem sollte die Stahlproduktion so wenig wie möglich gestört werden. Und die Sicherheit der Arbeiter auf dem Werksgelände muss immer garantiert sein, auch dann, wenn es bei winterlichen Temperaturen zu Eisbildung auf den riesigen Rotorblättern kommen sollte.

Wie wir heute sehen, ist dieser Kraftakt gelungen, und dazu gratuliere ich allen Beteiligten ganz herzlich!

Diese drei neuen Windkraftanlagen sind ein Beweis dafür, dass Hamburg und seine Unternehmerinnen und Unternehmer den Ausbau der erneuerbaren Energien aktiv unterstützen, ja es zu ihrer Sache machen.

Erinnern wir uns: Lange Zeit waren Erneuerbare Energien im Hafen ein Fremdwort. Niemand konnte sich vorstellen, wie das gehen soll. Heute stehen im Hafengebiet 14 Windenergieanlagen. Hamburg zeigt, dass auch ungewöhnliche Plätze genutzt werden können.

Dass es zudem ArcelorMittal als weltweit größter Stahlproduzent ist, der dieses Projekt möglich gemacht hat, ist ein weiteres deutliches Signal: Denn wir wissen alle, die Stahlbranche ist ein höchst energieintensives Geschäft. Aber die Stahlproduktion ist eben auch ein Herzstück und Rückgrat unserer modernen Zivilisation. In einem solch zentralen industriellen Bereich das Prinzip der Erneuerbaren Energie verorten, das ist eine zukunftsweisende Verbindung.

Die Kopplung von Energieverbrauch und Energieerzeugung ist ein zentrales Thema. Wenn, wie hier, Betriebe ihr Gelände zur Verfügung stellen, damit Anlagen gebaut werden können oder, wie etwa bei Aurubis geplant, Abwärme genutzt wird, ist das immer ein doppelter Erfolg: Als Beitrag zu regenerativer Energie und als Ausdruck des neuen Selbstverständnisses der Wirtschaft. Und wir sehen an dem Projekt von ArcelorMittal und Hamburg Energie auch, dass das eben nur möglich ist, weil die Beteiligten über den Kernbereich des Betriebes hinaus gedacht haben: Kooperation ist ein Erfolgsfaktor.

Für solch wichtige Kooperationen haben wir in Hamburg die besten Voraussetzungen: Alle relevanten Unternehmen der Windenergiebranche haben hier ihren Hauptsitz oder eine Niederlassung. Die international bedeutendsten Hersteller von Windenergieanlagen, die Zulieferer, die Dienstleister, die Versicherungen und die Kapitalgeber, all das ist mit kurzen Wegen schnell erreichbar. Gut 190 Mitglieder hat das Hamburger Cluster „Erneuerbare Energien Hamburg“. Ganz wichtig ist auch die hervorragende Kooperation unter den norddeutschen Ländern.

Hinzu kommt, dass wir die Vernetzung von Wirtschaft und Wissenschaft gezielt stützen.
Fünf Hochschulen beschäftigen sich in Hamburg mit der Energieforschung. Ein solcher Energie-Forschungs-Verbund ist in ganz Deutschland einmalig, mit dabei sind übrigens auch drei Behörden: die Umweltbehörde, die Wirtschaftsbehörde und die Wissenschaftsbehörde, und es funktioniert hervorragend.

Seit 2014 trifft sich auch die internationale Leitmesse Wind Energy alle zwei Jahre in Hamburg. Und unsere Schlüsselrolle als Windmetropole Europas unterstreicht auch der „Global Wind Summit“, zu dem wir im September 2018 einladen.

30 Prozent des Stroms wurden im vergangenen Jahr bundesweit aus regenerativen Quellen gewonnen. Über 40 Prozent davon kam aus der Windkraft. Trotz des relativ schwachen Windjahres 2016 liegt die Windenergie damit auf Platz eins der Regenerativen, vor der Biomasse. Nach der guten Entwicklung im Stromsektor in den letzten zwanzig Jahren muss das Augenmerk jetzt auf das gesamte Energiesystem gelegt werden. Sektorenkopplung, die bessere Nutzung volatiler Energien und deren Speicherung, das sind die wichtigsten Themen der nächsten Jahre. Alle diese Schritte können wir hier in Hamburg mit breiter Unterstützung aus der Wirtschaft gehen.

Zwischen 2008 und 2012 haben Hamburger Unternehmer – darunter auch ArcelorMittal – mit Investitionen für den Klimaschutz rund 514.000 Tonnen CO2-Emissionen eingespart. Es gibt zudem eine Reihe von Netzwerken in denen sich die Industrie für Klima- und Umweltschutz engagiert. Zu nennen ist beispielsweise die UmweltPartnerschaft ein Zusammenschluss von Senat, Handelskammer, Handwerkskammer, IVH-Industrieverband Hamburg und dem Unternehmensverband Hafen Hamburg.

ArcelorMittal engagiert sich da seit Jahren. Das Unternehmen ist außerdem aktiver Partner im Effizienznetzwerk, einem von Hamburger Industrieunternehmen im April 2016 gegründeten Netzwerk unter Trägerschaft des Industrieverbands Hamburg (IHV). Die dort organisierten Unternehmen tauschen auf operativer Ebene Erfahrungen über Energieeffizienz-Projekte aus. Gemeinsam mit anderen Unternehmen unterzeichnete ArcelorMittal 2013 gegenüber dem Senat die zweite freiwillige Selbstverpflichtung: Sie sichern darin zu, bis Ende 2018 nochmals 150.000 Tonnen CO2 einzusparen.
 
Und nun unterstreicht auch diese Anlage hier im Herzen des Hafens, dass die großen Industrien in Hamburg sich für die Erneuerbaren Energien stark machen.

Ich danke allen Beteiligten für ihre Kreativität, ihre Ausdauer und die Entschlossenheit, ihren Beitrag für die Energiewende zu leisten. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg und allzeit ordentlich Wind um den Rotor.

Vielen Dank

 

Es gilt das gesprochene Wort.

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