Olaf Scholz
30.11.2017

Grußwort zur Einweihung der Unterkunft am Poppenbütteler Berg

 

Sehr geehrter Herr Dr. Nielsson,
sehr geehrter Herr Klann,
Mr. Ito,    
sehr geehrter Herr Bezirksamtsleiter Ritzenhoff,
sehr geehrte Damen und Herren,

hinter sich die Tür schließen; sich selber das Essen zubereiten und den eigenen Tisch decken; persönliche Dinge um sich haben; einen Freund oder Bekannten nach Hause einladen; privat sein können, sich sicher und geschützt fühlen: Eine eigene Wohnung ist mehr als ein Dach über dem Kopf. Sie ist ein Grundbedürfnis. Sie ist eine Voraussetzung, damit man sich Schritt für Schritt einleben und eine neue Lebensperspektive entwickeln kann. Eine eigene Wohnung ist unverzichtbar, um nach belastenden Ereignissen wieder Tritt zu fassen. Wer die deutsche Sprache und einen Beruf erlernen oder in einem neuen  Land einen Schulabschluss machen will, wer schwierige Lebensumstände überwinden und sich ganz anders zurechtfinden muss, braucht Mut, Ausdauer und ein Zuhause, wo er oder sie Kraft tanken und zur Ruhe kommen kann.

Am Poppenbütteler Berg wird all das möglich sein. In den neuen Unterkünften können sich Frauen, Männer, Familien, die aus den Krisengebieten der Welt zu uns gekommen sind, für eine längere Zeit einrichten und im Stadtteil Fuß fassen.

Das wünsche ich den ersten 117 Bewohnerinnen und Bewohnern, die seit kurzem hier leben, und auch allen, die später einziehen werden: dass sie sich wohlfühlen am Poppenbütteler Berg, dass sie angenehme Nachbarn finden und sich in der Ferne ein wenig zuhause fühlen.      

Wenn das neue Quartier am Poppenbütteler Berg fertig gebaut sein wird, können dort für den Anfang 500 Flüchtlinge einziehen – später sollen, so der Konsens, 300 Flüchtlinge hier wohnen. Sie alle haben die ersten Integrationsschritte bereits hinter sich und müssen nun den Weg in ein normales Leben mit Wohnung und Arbeit finden.

„Unterkunft mit der Perspektive Wohnen“ nennen wir dieses Modell: Es sorgt dafür, dass auf die erste Versorgung direkt nach der Ankunft in Hamburg der Schritt in eine eigene Wohnung getan werden kann, auch wenn es noch Zeit braucht, bis es gelingt, eine Arbeit zu finden und selber für den eigenen Lebensunterhalt zu sorgen.   

Meine Damen und Herren,
am Poppenbütteler Berg entsteht ein Quartier, wie wir es uns für Hamburg wünschen:  familienfreundlich mit Kitas und Platz zum Spielen und zum Sport treiben; mit viel Grün und einer guten Nachbarschaft zwischen Alteingesessenen  und erst kürzlich Hinzugekommenen.

Dabei kann sich das neue Quartier den im Wandel befindlichen Bedürfnissen in einer großen Stadt anpassen: Was heute eine Unterkunft für Flüchtlinge oder von Wohnungslosigkeit bedrohte Menschen ist, kann morgen auch anderen zur Verfügung stehen, die einen Anspruch auf Förderung haben. Auch frei vermietbare Wohnungen werden hier noch gebaut.

Damit alle einmal gut zueinander finden, wird es Räume für Treffen, Veranstaltungen und Freizeitaktivitäten geben. Das Begegnungshaus ist als ein Ort des Austauschs und der Bildung gedacht, wo man etwas über die Kultur der Nachbarn oder über das Leben in Deutschland erfahren kann.

Wie so ein Begegnungshaus funktionieren kann? Darüber haben sich die künftigen Bewohnerinnen und Bewohner des Quartiers früh Gedanken gemacht. Einige werden auch beim Bau des Begegnungshauses mitmachen – als Auszubildende, als Praktikanten oder in einem ordentlichen Beschäftigungsverhältnis, das für dieses Projekt  geschlossen wird. Das ist möglich, weil unser Hamburger Programm W.I.R. – Work and Integration for Refugees – die beruflichen Fähigkeiten und Bedürfnisse frühzeitig feststellt und darauf dann die weitere Qualifizierung aufbaut.
 
Der Vorschlag, dass die künftigen Bewohnerinnen und Bewohner des Quartiers sich an Planung und Realisierung des Begegnungshauses beteiligen könnten, kam von der ehrenamtlichen Initiative „Poppenbüttel hilft!“. Sie setzt sich sehr dafür ein, dass Flüchtlinge in Poppenbüttel gut unterkommen und sich schnell einleben. An ihrer Idee eines Begegnungshauses fand auch die HafenCity Universität Gefallen. Sie erforscht und erprobt wegweisende Modelle für die Zukunft der Metropolen, betreut das neu entstehende Quartier wissenschaftlich und hat eine Summer School zur Planung des Begegnungshauses durchgeführt.

Welche Rolle soll das Begegnungshaus im neuen Quartier spielen? Wie soll es organisiert werden? Was will man dort erleben? Die Antworten der Summer School auf all diese Fragen gingen in das Briefing für den Architektenwettbewerb ein.

Hamburg hat ein sehr fortschrittliches Integrationskonzept, das auch bundesweit Maßstäbe setzt.

  • Wir haben im Bund erreicht, dass Flüchtlinge einen Aufenthaltstitel erhalten, wenn sie eine Ausbildung beginnen und später in dem erlernten Beruf arbeiten.
  • Wir haben es geschafft, dass die Vorrangprüfung im Agenturbezirk Hamburg für drei Jahre ausgesetzt werden konnte.
  • Wir haben das schon erwähnte Programm W.I.R., mit dessen Hilfe Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt integriert werden, an die speziellen Bedürfnisse von geflüchteten Frauen angepasst.
  • Wir bereiten geflüchtete junge Männer und Frauen gemäß ihren individuellen Fähigkeiten und Bedürfnissen auf eine duale Ausbildung vor.
Das alles sind wichtige Punkte für eine erfolgreiche Integration. Denn neben einer eigenen Wohnung und dem Spracherwerb ist es die Arbeit, die dafür sorgt, dass jemand Anschluss und eine neue Lebensperspektive finden kann.

Meine Damen und Herren,
das Hamburger Konzept der „Unterkünfte mit der Perspektive Wohnen“ hat sich bereits in Jenfeld und in Billwerder bewährt. Am Ohlendiek gehen wir noch einen Schritt weiter: Hier entsteht ein bunt gemischtes, kommunikatives und vielseitiges Quartier, in dem Familien, Paare oder Singles, die schon länger in Hamburg leben, Haus an Haus mit denen wohnen, die erst angekommen sind. Das Begegnungshaus wird es ihnen allen erleichtern, eine gute Nachbarschaft aufzubauen.

Das neue Quartier am Poppenbütteler Berg ist ein gutes Modell für Hamburg. Ich danke im Namen des Senats der Initiative „Poppenbüttel hilft!“, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von „fördern & wohnen“, der HafenCity Universität, den engagierten Bewohnerinnen und Bewohnern der neuen Unterkünfte und allen anderen, die sich für ein gutes Miteinander in Poppenbüttel und in ganz Hamburg einsetzen.

Alles Gute für den weiteren Weg!

Vielen Dank

 

Es gilt das gesprochene Wort.

zurück zur Liste

JETZT IM BUCHHANDEL

OLAF SCHOLZ

HOFFNUNGSLAND
Eine neue deutsche Wirklichkeit