Olaf Scholz
12.12.2017

Rede zur 43. Einbürgerungsfeier im Festsaal des Hamburger Rathauses

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

der US-amerikanische Historiker Gordon A. Craig hat ein Buch über „Die Deutschen“ geschrieben. Darin findet sich die Geschichte einer Amerikanerin, die unbedingt den Reichskanzler Otto von Bismarck sehen möchte.

Als die Dame in Berlin ist, besorgt sie sich Karten für den Reichstag und einen Dolmetscher. Sie hat Glück: Bismarck ergreift das Wort. Die Amerikanerin rückt näher an den Dolmetscher heran, um ja nichts von der Rede zu verpassen. Bismarck spricht mit Nachdruck einige Minuten lang doch der Dolmetscher bleibt stumm. Und er reagiert auch nicht, als sie ihn anstößt. Schließlich hält die Frau es nicht mehr aus und fragt: „Was sagt er denn?“. „Geduld Madam“, entgegnet der Dolmetscher, „ich warte noch auf das Verb“.

Meine Damen und Herren,
vermutlich ist es der einen oder dem anderen von Ihnen in den vergangenen Jahren ähnlich ergangen. Die deutsche Sprache zu verstehen ist nicht immer leicht. Manch einer hadert mit ihr, andere von Ihnen haben sie in die Wiege gelegt bekommen.

Heute sind wir hier zusammengekommen um neue deutsche Staatsbürgerinnen und Staatsbürger zu begrüßen. Für mich ist dies jedes Mal ein freudiges Ereignis – für Sie ein großer Schritt in Ihrer Biografie. Sie sagen „Ja“ zu diesem Land, zu seiner Kultur, zu seinen Grundwerten und seiner politischen Ordnung und nicht zuletzt – auch Ja zu unserer Sprache.

Die Gründe, die Sie bewogen haben, die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen, sind vielfältig. Manche von Ihnen sind hier geboren und aufgewachsen. Andere sind der Liebe wegen nach Deutschland gekommen, wegen einer Arbeitsstelle, wegen des Studiums, wegen der Hoffnung auf ein besseres Leben oder durch Flucht vor Gewalt und Unterdrückung.
 
Hamburg nennt sich das „Tor zur Welt“. Dieses Tor steht – wie wir heute wieder sehen dürfen – nach beiden Richtungen offen. Und so beglückwünsche ich Sie zu Ihrem Entschluss. Hamburg ist stolz, Sie – die hier zum Teil schon lange zu Hause sind – in dieser Stadt nun auch als deutsche Staatsbürgerinnen und Staatsbürger begrüßen zu dürfen.
 
In diesem Jahr – genauer gesagt bis Ende November – sind fast 5.250 Einwohner unserer Stadt diesen Schritt gegangen. Eine Zahl, die vermuten lässt, dass wir bis Ende 2017 wieder ähnlich vielen einen deutschen Pass überreichen dürfen wie im vergangenen Jahr (da waren es insgesamt 5.800).  

Auffällig ist dabei – und das stimmt mich auch nachdenklich –, dass die Zahl derjenigen aus Großbritannien und Nordirland, die sich für die deutsche Staatsbürgerschaft entschieden haben, seit dem vergangenen Jahr um bald das Dreifache angestiegen ist (von 124 Einbürgerungen im Jahr 2016 auf 345 bis Ende November 2017).

Wie schon in den Vorjahren kommen die größten Gruppen derer, die wir einbürgern, aus den Herkunftsländern Afghanistan, Türkei  und Polen. Auch dies ist ein Spiegel der Entwicklungen in anderen Teilen der Welt und in Europa.

Heute leben in Hamburg Frauen und Männer aus 183 Nationen. Der Anteil der ausländischen Bevölkerung liegt bei knapp 17 Prozent, darunter gut ein Drittel EU-Bürger (309.944, Stand 31.12.2016; darunter 115.379 EU-Bürger). Und ich bin sicher, dass es darunter noch viele Frauen, Männer und Kinder gibt, die diesen Schritt, den Sie heute machen, auch tun werden.

Wir haben in den vergangenen Jahren immer wieder für die Einbürgerung geworben. Seit 2011 habe ich im Rahmen der „Einbürgerungskampagne“ persönlich mehr als 158.000 Personen angeschrieben.


Ich möchte mich an dieser Stelle ausdrücklich bei den zahlreichen Freiwilligen bedanken, die als Einbürgerungslotsinnen, als Einbürgerungskoordinatoren, als Helferinnen und Ansprechpartner geholfen haben, sei es als Hauptamtliche oder als Ehrenamtliche. Sie machen es möglich, dass aus dem Nebeneinander ein Miteinander wird. Denn „einbürgern“ bedeutet auch „integrieren“, in eine Gesellschaft „aufnehmen“. Sicher, mit der deutschen Staatsbürgerschaft sind jetzt nicht alle Ihre Probleme verflogen. Aber gewiss ein paar, so hoffe ich.

An die Staatsangehörigkeit sind eine Reihe Rechte (und ein paar neue Pflichten) geknüpft. Zu den Rechten gehört das Grundrecht, an Wahlen teilnehmen zu können und das Recht, für ein Amt zu kandidieren. Auch das Recht, einen Verein zu gründen (Artikel 9, Vereinigungsfreiheit), sich frei in Deutschland zu bewegen (Artikel 11 Freizügigkeit) oder das Recht der freien Berufswahl (Artikel 12 Berufsfreiheit) sind Beispiele für Grundgesetz-Artikel, die mit „Alle Deutschen haben das Recht...“ oder ähnlich beginnen. Außerdem stehen Sie als deutsche Staatsangehörige im Ausland unter dem diplomatischen Schutz unseres Staates.

Das Grundgesetz ist das Fundament, auf dem dieser Staat, dieses Gemeinwesen und unser Zusammenleben gründen. Seine Werte sind der Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält. Es dient uns als Kompass, wenn es um die Würde jedes einzelnen Menschen geht, wenn es um Gleichberechtigung, Respekt vor Andersdenkenden und auch Respekt vor Anderslebenden geht.

Unsere Verfassung schützt auch die, die anders sind, die einer Minderheit angehören. Rechtliche Gleichheit ist ein ganz wichtiges Prinzip. Trotz unserer Normen und Werte, wie sie das Grundgesetz verkörpert, ist unsere Gesellschaft nicht vor Konflikten gefeit. Im Gegenteil, die öffentliche Auseinandersetzung und die Diskussion gehören immer dazu.

Unsere Verfassung bietet die Möglichkeit, immer wieder aufs Neue zu bestimmen, wie wir zusammenleben wollen und in welche Richtung sich unsere Gesellschaft orientieren soll. Zur Demokratie gehören Aushandlungsprozesse auf der Grundlage des Respekts vor dem anderen. Bei allem Widerstreit und unterschiedlichen Meinungen gewährt unser Land allen Bürgern den gleichen Schutz und die gleichen Rechte. Das ist die Voraussetzung - nicht nur für eine freiheitliche Gesellschaft, sondern auch für das individuelle Fortkommen und die Entwicklung eines jeden Einzelnen von uns.

Daran erinnert uns auch August Heinrich Hoffmann von Fallersleben in seinem „Lied der Deutschen“, das er bereits 1841 dichtete und das wir im Anschluss als Nationalhymne gleich hören und auch singen werden. Darin heisst es in der dritten Strophe: „Einigkeit und Recht und Freiheit sind des Glückes Unterpfand“. Diese Zeile verstehe ich als Versprechen und als Ansporn: Gemeinsam bringen wir unser Land voran.

Vielen Dank

 

Es gilt das gesprochene Wort.

zurück zur Liste

JETZT IM BUCHHANDEL

OLAF SCHOLZ

HOFFNUNGSLAND
Eine neue deutsche Wirklichkeit