Olaf Scholz
13.12.2017

Rede auf der Trauerfeier für den Bezirksamtsleiter Thomas Völsch

 

Sehr geehrte Frau Völsch,
sehr geehrte Familie Völsch,
sehr geehrte Damen und Herren,

eines seiner Fotos zeigt den Harburger Binnenhafen im morgendlichen Nebel, Thomas Völsch hat es Mitte Oktober aufgenommen. Eine traumhafte Aufnahme, ganz besonders und doch bemerkenswert dezent. Man sieht, dass gleich die Sonne den Dunst wegfegen und den Stadtteil zum Leben erwecken wird: Harburg, der schöne und manchmal etwas unterschätzte Bezirk. Thomas Völsch hatte immer wieder solche überraschenden Perspektiven. Er konnte sich immer wieder neu in Harburg verlieben.  

 

Die Liebe war es auch, die ihn nach Neugraben-Fischbek zog. Du, liebe Susanne, hattest natürlich einen ganz großen Anteil an seinem ansteckenden Engagement für Harburg. Denn geboren und zur Schule gegangen ist er ja in Eppendorf.

 

Nach dem Abitur hat er an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung studiert. Er arbeitete im Bezirksamt Eimsbüttel, im Rechnungshof der Freien und Hansestadt Hamburg und in der Behörde für Bildung und Sport.

 

1990 ist er in die SPD eingetreten, seine politische Karriere begann in Harburg: als Distriktvorsitzender in Fischbek und später als stellvertretender Kreisvorsitzender. Hier liegen seine Wurzeln als starker Streiter für die Harburger Interessen.

 

1997 wurde er Geschäftsführer der SPD-Bürgerschaftsfraktion. Es war die Zeit des Regierungswechsels. Er organisierte die neue rot-grüne Koalition, sorgte maßgeblich für die Abstimmung zwischen den beiden sich damals etwas fremden Regierungsfraktionen.

 

Schon da fiel seine integrative Persönlichkeit auf. Er wollte immer wissen, wie die anderen denken, sprach regelmäßig mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, den Abgeordneten der eigenen ebenso wie mit den Verantwortlichen der anderen Fraktionen.

 

Nach der Wahl 2001 musste sich Hamburgs SPD und insbesondere die SPD-Bürgerschaftsfraktion komplett neu aufstellen. Erstmals in der Opposition nach 44 Jahren ununterbrochener Regierung, das war eine enorme Herausforderung. Eine neue und positive Perspektive zu finden, dafür war ein Mann wie Thomas Völsch genau der richtige. Bis 2004 blieb er Geschäftsführer der SPD-Bürgerschaftsfraktion.

 

Nach der langen Zeit als Angestellter der Fraktion zog er 2008 als Kandidat für ein Amt in den Wahlkampf. Auch da zeigte sich seine Fähigkeit, andere zu begeistern: Er gewann den Wahlkreis Süderelbe als erster direkt gewählter Bürgerschaftsabgeordneter.

 

Zahlen und Statistiken lagen ihm. Auch dank seiner beruflichen Erfahrungen als Diplom-Verwaltungswirt und der Zeit im Rechnungshof erwarb er sich in der SPD-Fraktion den Ruf als Haushaltsexperte.

 

„Der Aufklärer“, schrieb die WELT über Thomas Völsch, als er im Juni 2009 als Obmann der SPD die Arbeit im Untersuchungsausschuss zur HSH Nordbank übernahm. Systematisch fuchste er sich in die komplexen Unterlagen. „Es hat was von Detektivarbeit, den Hergang der Katastrophe zu rekonstruieren“, sagte Völsch. Vieles machte er ohne großes Aufsehen. Bei ihm gab es keine Kämpfe aus Prinzip, die nur für eine Schlagzeile dienen. Sein Ziel: reinen Tisch machen für eine neue und bessere Finanzpolitik. „Was bei der HSH Nordbank passiert ist, muss aufgearbeitet werden und darf sich nicht wiederholen“ betonte er immer wieder. Mit seinem analytischen Verstand trug Thomas Völsch entscheidend zur Aufklärung bei. Auch viele andere verantwortungsvolle Posten hatte er inne, etwa im Fraktionsvorstand.  

 

Zu seinem Selbstverständnis hat es immer gehört, Verantwortung zu übernehmen. Und diese Klarheit hat er auch von anderen erwartet. Melanie Leonhard hat das neulich so formuliert: Thomas habe immer wieder das Selbstbewusstsein eingefordert, größer zu denken.

 

Dass er dafür auch Konflikte einging, bekam die heutige Senatorin 2011 als neue Bürgerschaftsabgeordnete gleich zu spüren: Als das Amt als Fachsprecherin für Kinder- Familie und Jugend frei wurde, und sie die Funktion erst nicht übernehmen wollte, wurde Thomas Völsch ärgerlich und schimpfte: Man könne als Harburger nicht immer über zu wenig Einfluss in der Stadt schimpfen und sich beklagen, dass man nicht ordentlich wahrgenommen würde, um dann abzusagen, wenn man mal Verantwortung angeboten bekäme. Diese Standpauke hat gewirkt, ich bin sehr froh darüber.

2011 erfolgte ein neuer Ruf aus Harburg: Die Bürgerinnen und Bürger hatten der SPD mehrheitlich ihr Vertrauen ausgesprochen. In einer Sondersitzung am 29. November wählte die Bezirksversammlung Thomas Völsch zum Bezirksamtsleiter. Seit Januar 2012 hatte er das Amt inne und schon in kurzer Zeit erarbeitete er sich parteiübergreifenden Respekt.

 

In seiner ruhigen, beständigen und doch immer wieder auch begeisternden Art kümmerte er sich um den Wohnungsbau, die Entwicklung zum Technologiestandort und die Verbesserung der Lebensqualität in den Quartieren. Seine Verbindlichkeit und seine Fähigkeit zum Ausgleich wurden sehr geschätzt. Ganz wichtig war das natürlich auch als es besonders kontrovers zuging, etwa beim Thema der Flüchtlingsunterkünfte.

 

Regelmäßig lud Thomas Völsch die Fraktionsvorsitzenden zu vertrauensvollen Gesprächen ein. Jeder konnte offen sprechen. Misstrauen hatte da keinen Platz. Thomas Völschs Interesse an Kooperation war immer glaubwürdig, auch die politischen Gegner akzeptierten das vorbehaltlos. Das war sein Stil, seine innere Haltung: Den Austausch ermöglichen, damit politischer Fortschritt möglich wird.  

 

Thomas Völsch war einer, der weiß, dass die Demokratie von Kompromissen lebt und die besten Kompromisse die sind, bei denen sich viele wiederfinden, weil man auf die Gemeinsamkeiten geschaut hat. Er hat immer das Gespräch gesucht. Natürlich auch um zu klönen oder mal über die nächste Radtour zu sprechen. Aber vor allem, um die Situationen besser zu verstehen, die Gemengelage, wie wir das manchmal nennen.

 

Das hohe Ansehen, das er als Bezirksamtsleiter genoss, zeigt sich zum Beispiel auch darin, dass er für viele einfach der „Harburger Bürgermeister“ war. Und als im Frühjahr dieses Jahres der Krebs ausbrach, und er trotzdem weiter machte, gab die Bild-Zeitung ihm den respektvollen Titel als „tapferster Bezirks-Boss“ Hamburgs.  

 

Er bekommt den Krebs in der ersten Runde in Griff. Im September bestätigte ihn die Bezirksversammlung mit großer Mehrheit für weitere sechs Jahr im Amt. Aber die Krankheit brach wieder aus, war schlimmer als erwartet. Als sein Gesundheitszustand sich zunehmend verschlechterte, bat er mich ihn ab Januar 2018 in den Ruhestand zu versetzen. Aber auch diese Zeit war ihm nicht mehr vergönnt: In der Nacht zum 28. November starb Thomas Völsch, als amtierender Bezirksbürgermeister.

 

Große Trauer breitete sich aus – in Harburg, in der SPD und überall in Hamburg, wo seine Freundinnen und Freunde, seine Wegbegleiter und Kollegen sind und weiter arbeiten, an den vielen Projekten, die er angestoßen hat. Arbeiten, das war auch sein Leben. Es war wie ein kleiner Selbstkommentar, als er neulich den Cartoon von David Sipress postete, auf dem ein Mann vom Tisch aus einer Frau zuruft: „Ich erinnere mich nicht mehr, arbeite ich zuhause oder lebe ich bei der Arbeit?“ Für Thomas Völsch waren Arbeit und Leben keine Gegensätze, sondern Formen des gesellschaftlichen Engagements.

 

Thomas ist immer ein Mann gewesen, den man gerne getroffen hat. Weil er zuhören konnte, ohne beliebig zu sein, weil er führen konnte und alle mitnahm, weil er leidenschaftlich Politik machte und genau wusste für wen. Noch mit sehr vielen war er verabredet, sehr viele wollten ihn noch treffen.

 

Er hinterlässt eine große Lücke.
Wir werden Thomas Völsch sehr vermissen.

 

Vielen Dank!

 

Es gilt das gesprochene Wort.

zurück zur Liste

JETZT IM BUCHHANDEL

OLAF SCHOLZ

HOFFNUNGSLAND
Eine neue deutsche Wirklichkeit