Olaf Scholz
27.01.2018

Grußwort zur Verleihung des 20. Bertini-Preises

 

Sehr geehrte Frau Vértes-Schütter,
sehr geehrter Herr Generalkonsul,
sehr geehrte Präsidentin der Hamburgischen Bürgerschaft,
sehr geehrte Förderer des Bertini-Preises,
sehr geehrte Damen und Herren,
und vor allem liebe Preisträger des 20. Bertini-Preises,

„Dieses Buch war notwendig, es hat gefehlt. (….) Es kommt in einem Augenblick, wo Begriffe wie `reines Blut´ oder gar `deutsches Blut´ wieder zu spuken beginnen und Angst verbreiten; wo Sündenböcke für das schwindende Wachstum, fürs verblassende Wunder gesucht werden“.

Mit diesen Worten empfahl  Heinrich Böll den neuen Roman „Die Bertinis“ von Ralph Giordano 1982 seinen Landsleuten zur Lektüre. (Spiegel 18/1982)  

Wenn man Bölls Text über dieses „Buch der Empfindsamkeit“, wie er es nannte, „voller Weh“, aber ohne „Platz für Wehwehchen“, heute liest, dann schwankt man hin und her: So weit weg wirkt das Jahr 82, in dem es noch keinen Holocaust-Gedenktag, kein nationales Holocaust-Mahnmal und keinen einzigen Stolperstein gab. Aber die Beschreibung wirkt gleichzeitig auch verstörend nah an der heutigen Zeit. Man könnte Bölls Befund leicht umschreiben:

„Der Bertini-Preis ist notwendig“, könnte man anno 2018 sagen, „er wird in einem Augenblick verliehen, wo mancherorts offene Ressentiments wieder Angst einjagen; wo Sündenböcke für den Wettbewerbsdruck durch die Globalisierung und den technischen Wandel gesucht werden; wo unsere liberale Demokratie aber auch gute Freunde hat, die Rechtstaatlichkeit und Toleranz verteidigen und aufrichtig der Opfer des Holocaust gedenken.“
 
Deutschland hat sich in manchem zum Guten verändert. Den Bertini-Preis muss man heute nicht mehr erfinden. Das hat ein mutiger Lehrer vor zwanzig Jahren getan. Seither wird der Bertini-Preis jedes Jahr an Schülerinnen und Schüler vergeben, die sich mit den Opfern und der Zeit des Nationalsozialismus beschäftigen und hierzulande für ein respektvolles und gleichberechtigtes Miteinander einsetzen.

Zwanzig Jahre Bertini-Preis: Das sind zwanzig Schülerjahrgänge, 120 preisgekrönte Projekte und fast 1.800 Jugendliche und junge Erwachsene, die als Einzelne oder mit ihrer Gruppe ausgezeichnet wurden.
 
Danke, lieber Herr Magunna, dass Sie den Bertini-Preis ins Leben gerufen haben!
Danke an alle Lehrerinnen und Lehrer, die zur Teilnahme anregen und die Projekte begleiten!  
Danke an alle Förderer des Bertini-Preises!
Danke an alle Bewerberinnen und Bewerber!
Erinnern möchte ich auch an Ralph Giordano, der sich bis zu seinem Tod 2014 für den Bertini-Preis eingesetzt hat.
 
Die Bertini-Preisträger haben Hamburg verändert. Sie haben den Blick auf unsere Stadt erweitert und teilweise korrigiert. Sie haben Lebenswege und Stadtgeschichte recherchiert, haben die Erinnerungen von Zeitzeugen festgehalten oder sind gegen alte und neue Formen des Rechtsradikalismus aufgestanden.

Auf den Tag genau 73 Jahre ist es her, dass Soldaten der Roten Armee das Konzentrationslager Auschwitz befreiten. Die Demokratie, der soziale Rechtsstaat, die neue  Europäische Union, die Teilung und die Wiedereinigung Deutschlands, der technische Fortschritt und die Globalisierung haben unsere Welt seither grundlegend verändert. Doch unsere Verantwortung für Auschwitz bleibt. Jede neue Generation muss sich ihr stellen.

Die Menschheitsverbrechen, die unter dem Nationalsozialismus von Deutschen begangen wurden, werden uns immer fassungslos machen. Aber sprachlos, wie viele Generationen vor uns, sind wir nicht mehr. Das ist ein Fortschritt, den wir festhalten müssen. Es ist wichtig, dass Stolpersteine vor den Häusern die Namen der Bewohner nennen, die aus ihnen vertrieben wurden. Es ist wichtig, dass das Denkmal Hannoverscher Bahnhof in der Hafencity an die Deportation von mehr als 8.000 Juden, Sinti und Roma erinnert. Es ist wichtig, dass sich alle Schülerinnen und Schüler mit der nationalsozialistischen Zeit beschäftigen, dass sie die Fakten kennen und auf deren Grundlage ihre  Haltung entwickeln.

Wir müssen auch weiter darüber nachdenken, wie die nationalsozialistische Vergangenheit in einer  Einwanderungsgesellschaft vermittelt werden kann. Wer zu uns kommt und hierbleibt, ist auch Teil unserer Verantwortungsgemeinschaft und kommt nicht umhin, sich mit der besonderen deutschen Geschichte auseinanderzusetzen. Das gehört dazu, wenn man dazugehört.

Aber ob jemand nun eine Migrationsgeschichte hat oder seine Eltern hier geboren sind: Die Relativierung der nationalsozialistischen Verbrechen, Antisemitismus oder andere Formen der Diskriminierung – egal wo, in welcher Form und durch wen – sind inakzeptabel. Das müssen alle wissen und da drücken wir auch kein Auge zu.

Es ist gut, dass der Bertini-Preis für Öffentlichkeit sorgt. Es sollen alle mitkriegen, was junge Hamburgerinnen und Hamburger da leisten. Jede Generation steht ja wieder neu vor der Aufgabe, sich einen Zugang zu dieser Zeit zu erarbeiten. Das ist nicht einfach und verdient Respekt – genauso wie die Arbeit der Lehrerinnen und Lehrer, die ebenfalls viel Zeit und Energie in die Projekte stecken.

Und das macht Sinn! Die Vielzahl und Vielfalt der Projekte aus zwanzig Jahren Bertini-Preis spricht für sich:

  • Da wurde das Schicksal einer Harburger Sinti-Familie akribisch recherchiert und nacherzählt. (Dokumentation „Als die Musik verstummte“, 2000)
  • Nach dem Besuch des Konzentrationslagers Auschwitz entstand eine Fotoausstellung, in der die dort entstandenen Bilder mit Texten von Überlebenden kombiniert wurden. (Auschwitz! Eine Fotoausstellung. 2002)
  • Vier Bertini-Preisträger haben veranlasst, dass weitere 42 Stolpersteine in Hamburg verlegt wurden – zum Beispiel vor dem Haus des Ehepaars David und Roline Isenberg in der Billstedter Hauptstraße 50. (2003)
  • Eine Facharbeit beschäftigte sich mit den Swing-Kids („Aus der Reihe getanzt, 2006).
  • Ein Buch versammelte die Geschichten von jüdischen Überlebenden. („Weitergelebt“, 2008)
  • Mehrere Preisträgerinnen und Preisträger sorgten dafür, dass Gedenktafeln angebracht wurden – etwa für das  frühere  Lager auf dem Gelände der Max-Brauer-Schule. (2006)
  • Andere haben Projekte gegen Rechtsradikalismus auf die Beine gestellt (z.B. Seminarreihe „Gegen Rechtsradikalismus“, 2006), Theaterstücke inszeniert (z.B. „Als unsichtbare Mauern wuchsen“, 2010) oder eine Anti-Mobbing-Webseite aufgelegt (2007).
  • Schülerinnen und Schüler haben erreicht, dass Schulen umbenannt wurden (zum Beispiel die „Stadtteilschule Helmuth Hübener“, 2010) oder dass eine gut integrierte Mitschülerin, deren Familie illegal in Hamburg lebte, das Bleiberecht erhält (Fabiola darf bleiben, 2012).

Und das sind nur einige Beispiele aus zwanzig Jahren.

Meine Damen und Herren,
Hamburg ist eine weltoffene und tolerante Stadt. Aber diese Offenheit ist nicht wie ein Naturereignis einfach da, sie muss immer wieder erworben und manchmal auch erstritten werden. Daran erinnert uns das Jahr 2018, in dem sich die Novemberpogrome 1938 zum 80. Mal jähren. Damals wurden auch in Hamburg tausende  Bürgerinnen und Bürger aus ihrem Leben gerissen, verfolgt, gequält, ermordet. Unzählige haben zustimmend hin- oder angstvoll weggeschaut. Das muss uns allen bewusst bleiben: dass auch dieses maßlose Unrecht zur Geschichte unserer weltoffenen Stadt gehört.   

Ich bin froh, dass Hamburg den Bertini-Preis hat. Und ich gratuliere allen Preisträgerinnen und Preisträgern sehr herzlich.

Vielen Dank.

 

Es gilt das gesprochene Wort.

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