Olaf Scholz
04.02.2018

"Denk ich an Sport" – Gastbeitrag für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung"

 

Denk ich an Sport, dann denke ich ganz sicher nicht an meine Jugend. Mein Vater hat in seiner Jugend Fußball gespielt, auch meine Brüder haben sich immer gern und sehr viel bewegt, ich aber war unsportlich. Nach fast jedem Schuljahr bekam ich das Schwarz auf Weiß zu lesen. Sport: vier minus. Mich hat das nicht weiter gestört, denn der Sportunterricht hat mir einfach keine Freude bereitet. Das einzige, was ich wirklich gern mochte, war Schwimmen. Ich habe es sogar zum DLRG-Grundschein gebracht. Ansonsten hatte ich einfach andere Interessen, habe viel in den Büchern von Karl May gelesen, habe häufig diskutiert und früh damit begonnen, mich für andere zu engagieren. Ich war Klassensprecher, später Schulsprecher, heute bin ich Politiker.

 

Meine Sicht auf den Sport hat sich aber verändert. Als ich vierzig Jahre alt war, habe ich erst so richtig damit begonnen. Es war eine Idee meiner Frau, sie war sich sicher, dass es mir und meinem Körper gut täte, wenn ich mich ein bisschen mehr bewege. Zuerst fiel es mir schwer, beim Laufen ging es keinesfalls so zügig voran, wie ich es mir gewünscht hätte. Ich nahm ein wenig ab, und inzwischen kann ich mir ein Leben ohne Sport nicht mehr vorstellen. Der große Durchbruch gelang mir im Ostseebad Boltenhagen, wo ich das erste Mal in meinem Leben eine längere Strecke gejoggt bin. Vierzig Minuten am Stück! Für mich war das vor fast zwanzig Jahren eine außerordentliche Leistung. Heute ist es Alltag.

 

Die Sporttermine sind nun fester Bestandteil meines Kalenders, ansonsten käme ich überhaupt nicht dazu. Jede freie Lücke im Terminplan ist schon nicht mehr da, ehe ich mich überhaupt umgeguckt habe. Diejenigen, die über meinen Kalender bestimmen und damit auch über mein Leben, bitte ich deshalb, ein Mal Rudern und zwei Mal Laufen in jeder Woche unterzubringen. Das klappt nicht immer, aber meistens.

 

Am liebsten jogge ich entlang der Elbe. Dort gibt es die schönsten Laufstrecken. Am Wochenende bin ich manchmal vierzehn Kilometer bis zum Elbstrand Wittenbergen unterwegs. Wenn ich in einer Woche nur nachmittags Zeit finde, geht es rund um die Alster. Das ist der Klassiker in der Stadt. Das klassische Hamburg versteht man eigentlich erst, wenn man auf der Alster, auf den Flüssen, Kanälen oder Fleeten mit dem Ruderboot unterwegs ist. Denn das waren die eigentlichen Hauptverkehrsstraßen des alten Hamburg. Man merkt es auch heute noch: Manche Distanzen kann man auf diese Art schneller hinter sich bringen als mit dem Auto.

 

Meistens rudere ich schon morgens sehr früh. Da ist weniger los, vor allem im Sommer ist die Alster am Nachmittag ansonsten voller Boote. Es ist eine tolle Erfahrung so früh am Morgen auf dem Wasser zu sein. Mit einem sich immer wieder verändernden Himmel und unterschiedlichen Wetterlagen. Im Winter ist es morgens noch dunkel, dann sieht man vom Wasser aus die erleuchtete Stadt. In den anderen Jahreszeiten kann man die Sonnenaufgänge beobachten. Ein Mal gab es einen feuerroten Himmel, als ich ins Boot gestiegen bin, das war unglaublich. Manchmal ist es auch so neblig, dass man fast gar nichts sieht. Ich bin der festen Überzeugung, dass niemand in Hamburg als Stadtplaner arbeiten sollte, der nicht schon mal auf irgendeinem Boot über diese Wasserwege gefahren ist.

 

Ich bin als Student schon einige Male gerudert, fand das toll, habe aber keinen Weg gefunden, es weiter zu betreiben. Die Bewegung hat mir damals innerlich sofort eingeleuchtet, sie hat mir Freude bereitet. Und dieses Gefühl hatte ich noch in meinen Kopf, als ein Freund von mir sagte, er kenne da einen Trainer, zu dem ich einmal gehen solle. Das ist Christian Dahlke, ein ehemaliger Weltmeister. Es ist natürlich außergewöhnlich, dass ich das Rudern von einem Athleten lernen kann, der diesen Sport an der Leistungsspitze betrieben hat.

 

Die jungen Männer, die ich im Ruderclub Allemannia von 1866 treffe, von denen manche sogar an weltweiten Wettkämpfen teilnehmen, trainieren natürlich sehr, sehr viel mehr. Schon mal 30 Stunden die Woche, das ist sehr beeindruckend. Aber auch ich habe mich als Ruderer noch einmal verändert. Es ist eine komplexe Bewegung, allerdings, wie ich finde, eine nachvollziehbare. Nichts, das kontraintuitiv wäre. Deshalb macht es auch sehr viel Spaß, und trotzdem muss man es üben, wie alles, was ein Handwerk ist. Da heißt es: 5000 Stunden braucht man, bis man es wirklich kann. Das gilt auch fürs Rudern. Anfangs rudert man noch ziemlich kurz und schnell, das ist überhaupt nicht professionell und zeigt nur, dass die Technik noch nicht da ist. Inzwischen mache ich mehr Meter pro Schlag.

 

Sport macht mich glücklich, das hätte ich früher nicht gedacht. Und trotzdem hatte ich nie dieses Gefühl, von dem andere so oft erzählen: dass sich dabei Spannungen abbauen. Ich bin ohnehin jemand, der eher in sich ruht. Doch es ist ein guter Ausgleich. Man fühlt hinterher, dass es den Körper verändert, dass man über eine bessere Kondition verfügt, dass man mal wieder richtig durchgeatmet hat. Während meiner Zeit als Bundesminister für Arbeit und Soziales habe ich oft Unternehmen besucht und wollte dann ganz bewusst die über 60-Jährigen sehen. Damit meinte ich nicht den Vorstand, sondern Leute, die körperliche Arbeit leisten. Schon damals ist mir aufgefallen, dass das vor allem Menschen waren, die in ihrer Freizeit Sport getrieben und sich so fit gehalten haben.

 

Sport gehört zum Leben dazu – nicht nur zu meinem. Die Politik muss es deshalb möglich machen, dass die Menschen auch wirklich Sport treiben können. Es muss genügend Raum für Vereine da sein, es muss genügend Angebote geben, auch in Schulen. Die Vorschriften für den Sportlärm in Deutschland sind leider eine Bundesregelung und dürfen nicht da festgelegt werden, wo sie eigentlich hingehören, nämlich in den Kommunen und Ländern. Ich habe mich daher schon als Bundesminister dafür eingesetzt, dass diese Vorschriften derart verändert werden, dass nicht lauter Sportplätze ungenutzt sind, weil ihr „Lärmkontingent“ schon ausgeschöpft ist. Das ist etwas, das ich einfach nicht verstehen kann und auch nicht hinnehmen möchte. Da, wo Leben ist, ist manchmal eben auch Lärm. Und es ist doch am besten, wenn das Leben in unserer Nachbarschaft stattfindet. Deshalb wünsche ich mir in unserer Gesellschaft mehr Verständnis. Das Leben ist einfach schöner, wenn nebenan Sport gemacht wird, wenn Kinder spielen, wenn sie sich freuen, vielleicht auch mal schreien, wenn Emotionen im Spiel sind.

 

Ich bin wirklich froh, dass Hamburg eine sportliche Stadt ist. Das kann man nicht nur an den Statistiken erkennen, man kann es auch sehen. Es gibt viele Ereignisse, die Leistungs- und Freizeitsportler zusammen bringen – Radwettbewerbe, Marathon, Triathlon. Wer diese Veranstaltungen besucht, der sieht, dass es eine echte Verbindung gibt zwischen dem Sport, den die Bürgerinnen und Bürger selbst treiben, und dem Sport, den sie bewundern. Auch ich gehe hin und wieder in die Stadien und Arenen, zum Fußball, Handball, zum Basketball oder Eishockey. Beim HSV war ich schon, als die Mannschaft noch im alten Volksparkstadion gespielt hat. Ich habe richtig mitgefiebert, auch wenn ich kein klassischer Fußballfan bin. Trotzdem wäre es einer meiner Wünsche, mit dem HSV im Turmsaal des Hamburger Rathauses eine deutsche Meisterschaft zu feiern. Und ich hoffe wirklich, dass ich nicht ewig im Amt bleiben muss, um das noch einmal zu erleben.

 

Denk ich an Sport, dann denke ich auch noch an die Olympischen Spiele. Sie waren eine Herzensangelegenheit von mir, ich hätte mir wirklich gewünscht, sie 2024 nach Hamburg zu holen. Letztlich haben die Bürgerinnen und Bürger anders entschieden, und ich glaube, dass es keinen Sinn macht, allzu lange darüber nachzudenken, was wäre wenn ... Wobei ich gestehe, dass ich nochmal darüber nachdenken musste, als im September des vergangenen Jahres bekannt gegeben wurde, dass Paris und Los Angeles den Zuschlag bekommen für die Sommerspiele 2024 und 2028. Ich bin mir sicher, dass Hamburg – wäre es Kandidat gewesen – den Zuschlag bekommen hätte. Schwamm drüber.

 

Ich glaube fest daran, dass der Sport die Menschen begeistert und zusammen führt. Nun muss man nicht gleich in das antike Athen zurückgehen und die friedliche Botschaft, die mit dem Sport verbunden ist, bemühen. Doch es geht eine gute Botschaft für unsere eigene Humanität und Moral davon aus: Wenn man sich anstrengt, kann man unabhängig von seiner Herkunft etwas erreichen. Mühe ist etwas, das Folgen hat. Auch das ist für mich mit den Olympischen und den Paralympischen Spielen eng verbunden. Aber vielleicht ist es in Anbetracht der letzten Auseinandersetzungen rund um das Internationale Olympische Komitee ein wenig in Vergessenheit geraten.

 

Die Olympischen Spiele selbst halte ich persönlich noch immer für zeitgemäß. Die Diskussion über das Ereignis aber ist längst nicht beendet. In den vergangenen Jahren haben sich immer mehr Bewerberstädte für Sommer- und Winterspiele zurückgezogen. Auch das war eine meiner Botschaften als Bürgermeister einer Stadt in einem demokratischen Land: Wir dürfen eine derart humane Betätigung von Männern und Frauen, wie sie der Sport ermöglicht, nicht nur Diktatoren und anderen Autokraten überlassen. Deshalb muss sich auch das Gewand der Spiele verändern. Der finanzielle Aufwand für die Olympischen Spiele in ihrer jetzigen Form ist enorm, ganze Städte verändern sich, um für wenige Wochen Austragungsort sein zu dürfen. Viele Menschen haben Angst davor. Sowohl nach Fußball-Weltmeisterschaften als auch nach Olympischen Spielen gibt es Bilder von Stadien und anderen Sportstätten, die nicht mehr genutzt werden, die verrotten. Die Olympischen Spiele werden in der Zukunft ganz sicher abrüsten müssen, so dass die Dimensionen, die Sorgen, die damit verbunden sind, nicht mehr so groß sein werden.

 

Worüber wir uns in Deutschland Gedanken machen sollten, ist die Tatsache, dass sich die beiden wirtschaftlich erfolgreichsten Metropolen – Hamburg und München – beide mit fast identischer knapper Mehrheit gegen die Ausrichtung solcher Spiele entscheiden haben. Das hat auch mit Vertrauen zu tun. Vertrauen in die Spiele und in jene, die sie organisieren. Vertrauen ist eine zentrale menschliche Kategorie. In der Politik geht es um Gerechtigkeit, um Freiheit und um Vertrauen in diejenigen, denen man das Mandat für eine Zeitlang anvertraut. Im Sport ist es ähnlich. Wenn wir uns für Leistung begeistern, wollen wir nicht hören, dass mit verbotenen Doping-Mitteln nachgeholfen wurde, wir wollen auch von Korruption oder anderen Betrügereien nichts wissen. Wir wollen einfach nicht enttäuscht werden. Nur dann können wir uneingeschränkt beeindruckt sein von dem, was Menschen aus eigener Kraft und aus eigenem Antrieb heraus zustande bringen.

 

Der Beitrag erschien am 4. Februar 2018 in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung".

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